Geschmäcker sind verschieden. Das sagt der Volksmund. Aber der Volksmund irrt. Vor einiger Zeit zum Beispiel saßen Alexandra und Willi im Hamburger Flughafen. Vater und Tochter aßen Brötchen, tranken Tee und schauten den Passanten hinterher. Irgendwann lief ein Mann vorbei: groß, breite Schultern, blondes Haar. Willi hätte sich fast verschluckt, Alexandra hätte sich fast im Brötchen verbissen. "Sieht der gut aus", sagte sie. Er hielt die Luft an und warf dem Unbekannten noch einen Blick hinterher. Dann schauten sich Alexandra und Willi an und lachten los.

Willi Lemke, 44 Jahre alt, lebt mit Alexandra und seiner zweiten Tochter Pia in einer kleinen Stadt unweit von Hamburg. Reihenhaus, 2. Stock. Im Wohnzimmer steht ein gelbes Ledersofa auf dem Laminatfußboden, vor den Fenstern hängen lachsfarbene Gardinen. Cock Robin tönt aus den Musikboxen: Remember the promise you made.

Um ein Versprechen ging es auch bei den Lemkes vor gut sechs Jahren. Willi machte damals eine Höllenzeit durch, weil er sein Schwulsein wie einen absurden Gedanken beiseite zu drängen versuchte. Sein Körper begann zu rebellieren. Er bekam Schweißausbrüche, fühlte sich matt und niedergeschlagen. Schließlich outete er sich in seiner Familie. Den Töchtern sagte er: "Ich werde immer für Euch da sein." Pia und Alexandra, die damals 11 und 14 Jahre alt waren, entschieden sich, bei ihrem Vater zu bleiben. Mutter Lemke, mit der alle weiterhin guten Kontakt haben, zog aus. Sie lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen.

Natürlich setzte erst das kleine Chaos ein. Auch heute noch fühlt sich Willi manchmal genötigt, den Töchtern Socken, Handtücher oder Pullis hinterherzuräumen, wie er leise seufzend erzählt. Als er noch einen Kaffee eingießen möchte, aber feststellt, dass die Kanne leer ist, fragt er Pia und Alexandra: "Wer holt denn noch einen?" Beide richten den Blick unbarmherzig auf ihren Vater, der prompt in die Küche verschwindet. Schmunzelnd. Die Mädchen zünden sich derweil eine Lucky Strike an.

Rund 700 000 Schwule und Lesben in Deutschland leben laut einer Untersuchung des nordrhein-westfälischen Familienministeriums mit Kindern zusammen. Mit wenigen Ausnahmen sind es Kinder aus vorausgegangenen heterosexuellen Beziehungen. Dass sie sich "für die Lebensweise ihrer Eltern schämen und verunsichert sind", widerlegt die Studie ebenso zweifelsfrei wie es Willis Töchter tun. "Unser Verhältnis untereinander hat sich geändert", sagt Pia, die noch zur Schule geht und später Psychologie studieren möchte. "Aus unserer Familie ist eine Wohngemeinschaft geworden, aus Papa der beste Freund." Alexandra, die eine Lehre als Hotelfachfrau macht, sagt: "Ich bin damals zurückhaltend damit umgegangen. Ich war mitten in der Pubertät und hatte genug mit mir selbst zu tun." Hänseleien der Mitschüler haben beide nicht erlebt. "Das hätte mal einer wagen sollen, ich war eh die Stärkste", sagt Pia und meint damit mehr ihr gesundes Selbstbewustsein als ihre physische Präsenz. "Papa steht dazu, und ich stehe dazu. Wer Schwule ablehnt, hat nur Angst vor dem Anderssein."

Die Gesellschaft zeigt sich tolerant, obwohl sie es nicht wirklich sein will. Als großen Erfolg haben zwar Schwule und Lesben in Deutschland die so genannte Homo-Ehe gefeiert - zugestanden wurde ihnen aber nicht mehr als ein ehrenwerter Schwindel. Denn jede Sonderstellung ist immer auch eine Diskriminierung. Und hätte das Gesetz Arme, so würde der linke anlocken und der rechte abweisen. Kinder etwa sieht die Homo-Ehe nicht vor. Schwule und Lesben erhalten lediglich ein "kleines Sorgerecht": Bei den Kindern, die Freund oder Freundin mit in die Ehe bringen, können sie über Alltagsfragen mitbestimmen. Als Pflegeeltern werden nur homosexuellen Einzelpersonen Kinder zugewiesen; in der Regel schwer vermittelbare. Als Paare dürfen Schwule und Lesben auch keine Kinder adoptieren.

Dabei hat die Homo-Ehe schon in Schweden weniger zu einem Sturm auf den Traualtar als zu einer Art Babyboom geführt. Und auch in Deutschland wird der Wunsch nach einer besiegelten Beziehung scheinbar von der Sehnsucht nach Kindern übertroffen: 40 von 100 Lesben und jeder dritte Schwule denken an Nachwuchs. "Wir haben in der Woche rund 20 Anfragen", berichtet Melanie Klein von Queer & Kids. Bisher 200 Homosexuelle haben sich in die Kartei ihrer Berliner Agentur aufnehmen lassen, für 400 Euro Aufnahmegebühr. Ziel ist es, neue Familienformen zu vermitteln. Der Idealfall: ein schwules und ein lesbisches Paar, die zusammenleben und Kinder haben - in der Regel durch Insemination. Zur Klientel gehört aber auch die heterosexuelle Frau, die gerne mit einem schwulen Mann ein Kind gemeinsam aufziehen würde. Oder die allein stehende Lesbe, die sich auch Samen von einem Hetero spenden ließe. "Der Großteil unserer Kunden sind Akademiker", sagt Melanie Klein. Manchmal meldeten sich Lesben aus der Hardcore-Fraktion, die niemals einen Jungen zur Welt bringen würden und mit dem Vater nicht das Geringste zu tun haben wollten: "Solche Anfragen lehnen wir ab." Rechtlich bewegt sich das alles ohnehin in einer Grauzone. Künstliche Befruchtung ist nur Verheirateten erlaubt. Auch Unterhaltspflichten und Sorgerechte sind nicht endgültig geklärt.