Die Realität hat das antiquierte Familienbild längst überholt. "Erzeuger" sind nicht zwingend Erzieher, genauso wie Erzieher nicht umgekehrt "Erzeuger" sein müssen. Patchworkfamilien entstehen. Man kann das beklagen, ändern kann man es nicht.

"Letztendlich ist das gesunde Aufwachsen der Kinder von der Liebe abhängig, die man ihnen zukommen lässt", sagt Willi, steht auf und dreht die Musik noch leiser. Seit er nicht mehr in der Gastronomie tätig ist und sich zum Kaufmann umschulen lässt, besucht er montagabends eine Gesprächsgruppe für schwule Väter. Willi findet, dass "die Regierung den Kinderwunsch alternativer Familien unterstützen muss, und zwar ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung". In den USA leben angeblich bereits rund sechs Millionen Kinder bei homosexuellen Eltern. Zahlreiche Sorgerechtsprozesse haben dort Soziologen auf den Plan gerufen. Die zentrale Frage: Welchen Einfluss hat die sexuelle Veranlagung der Eltern auf die Entwicklung des Kindes?

Als Willi vor einigen Jahren seinen Freund erstmals mit nach Hause bringen wollte, rieten Bekannte ab: "Glaubst du nicht, dass das Leben für deine Töchter schon schwer genug ist?" Es kam anders. Die beiden Mädels waren von dem großen Unbekannten derart begeistert, dass Willi schon manchmal neidisch wurde. "Ein toller Typ", sagt Alexandra. "Für mich ist es einfacher, einen Mann zu tolerieren. Eine Mutter habe ich schließlich schon." Vorurteile, Kinder von Homosexuellen würden "umgepolt" oder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigt, halten Studien nicht stand. Die amerikanischen Soziologen Judith Stacey und Timothy J. Biblarz beschäftigen sich seit Jahren mit transgender, Veränderungen der Geschlechterrollen. Mehr als 20 Langzeitstudien haben sie ausgewertet. Das Fazit: Es gibt "keine fassbaren Unterschiede zwischen Kindern, die bei hetero- und homosexuellen Eltern aufwachsen".

Als "kompetente Erzieher" werden lesbische und schwule Eltern beschrieben, ihren Kindern ein hohes Maß an sozialer Sensibilität bescheinigt. Jungen, die bei Lesben und Schwulen aufwuchsen, zeigten sich weniger aggressiv und dominant, dafür umso fürsorglicher. Insgesamt, stellen Stacey und Biblarz fest, tendierten Kinder unkonventioneller Familien nicht dazu, selber schwul oder lesbisch zu werden. Zuweilen zeigten sie etwas mehr unkonventionelle Züge. Nicht nur, weil sich das soziale Umfeld von dem Heterosexueller abhebe. Auch lebten sie vermehrt in Städten wie New York oder San Francisco, in denen ohnehin nicht der Lebensstil der all-American family gepflegt werde. Skeptikern halten die beiden Soziologen außerdem überzeugend entgegen: "Der Entschluss, nichtheterosexuellen Eltern gleiche Rechte zuzusprechen, darf nicht davon abhängen, dass ihre Kinder mit denen Heterosexueller identisch sind."

Alexandras wichtigste Erfahrung: Je selbstverständlicher und klarer sie mit der sexuellen Orietierung ihres Vaters umgeht, desto selbstverständlicher und klarer reagieren auch ihre Mitmenschen. "Die meisten kennen doch nicht mal Schwule, hier in der Provinz. Schwulsein findet in Schulbüchern nicht statt. Vorurteile entstehen aus Unwissenheit." Pia schaut versonnen zur Wohnzimmertür. "Mit meinem Vater kann ich über Dinge sprechen, über die meine Freunde mit ihren Eltern nicht sprechen. Zum Beispiel über Intimität und Sex." Auch mit Willis Freund könne sie sich so entspannt unterhalten. Allerdings hat der sich vor kurzem von Willi getrennt. Wie bei Heterosexuellen ist es eben "nicht einfach, jemanden zu finden, der auch mit den Kindern klar kommt", sagt Willi. "Familie ist mir immer wichtig gewesen. Er war selbst verheiratet. Aber er hat Angst bekommen." Willis Stimme wird ganz brüchig. Pia nimmt seine Hand und sagt: "Der ist noch nicht so weit wie du."