Es ist ein Akt der öffentlichen Gottesfurcht, und Gregor Gysi fehlt nicht. Blass und gebeugt sitzt er in der Holzbank. Bundeskanzler Gerhard Schröder, Erschütterung im Gesicht, hat sich gleich neben Wolfgang Thierse niedergelassen. Julian Nida-Rümelin und Hans Eichel haben keinen Platz gefunden, sie müssen stehen, aber es macht ihnen nichts aus. Menschen dicht in den Bänken wärmen sich aneinander: Renate Künast, Walter Riester, Friedrich Merz und Michael Glos, Heiner Geißler, Antje Vollmer, Wolfgang Schäuble, Rezzo Schlauch - die Politprominenz ist erschienen, und diesmal nicht, um gesehen zu werden. Dazu tausend andere, deren Namen man nicht kennt. Gläubige? Oder Erschrockene? Draußen vor der Tür der St.-Hedwigs-Kathedrale steht die Trost suchende Menge der Berliner Bürger, obwohl das Wort Gottes gar nicht nach draußen übertragen wird. Es ist der 12. September 2001.

Der evangelische Superintendent von Berlin Martin Michael Passauer hat mit dem Predigen schon am 11. September angefangen, wenige Stunden nach der New Yorker Katastrophe. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde ab 18 Uhr jede halbe Stunde Andacht gehalten, drei Tage lang. 140 Gottesdienste, auch die Nacht hindurch und immer mit vollem Glockengeläut, bis die schlaflosen Anwohner baten, wenigstens in den frühen Morgenstunden Stille walten zu lassen. Zu jeder Andacht kamen Leute, zu mancher mehr als am Weihnachtsabend. Warum? Weil, sagt Passauer, allein die Religion in Worte fassen kann, was dem Menschen die Sprache verschlägt.

Es sind nicht die eigenen dünnen Worte des Zeitungslesers oder Politikers oder Theologen, sondern die jahrtausendealten, in Psalmen gegossenen Hilfeschreie der Menschen der Bibel, die mit Gott und der Welt hadern. "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir", Psalm 130; "Herr, höre mein Gebet und lass mein Schreien zu dir kommen! Denn meine Tage sind vergangen wie ein Rauch, und meine Gebeine sind verbrannt wie von Feuer", Psalm 102. Es sind die mittelalterlichen Flehlieder und Bittgesänge von Verzagten, über denen das Unheil zusammenschlug und die auf nichts mehr hoffen als eine höhere Macht. Worte, die durch die Jahrhunderte, Jahrtausende zum modernen Menschen herüberwehen - sie sind der einzige Schatz der Kirche, und deshalb diskutiert Pfarrer Passauer seit dem 11. September mit niemandem mehr darüber, wie man die christliche Sprache modernisieren oder das Erscheinungsbild der Christenheit säkular aufrüschen könnte. "So was brauchen die Leute nicht."

Immer wenn die Menschen an die letzten Dinge geraten, wenn Unbegreifliches nach ihnen greift, wenn ihnen Augen und Ohren übergehen, wenn sie irre werden an der Wirklichkeit, dann kommt der Tag der Religion. Der 11. September zum Beispiel. Da drängen Fragen herein, von denen - wenn überhaupt - nur die Religion etwas versteht. Fragen nach dem Tod, dem Bösen, nach Leid, nach Schuld, nach Apokalypse, nach Gott. Mit einem bösen Schlag wird jeder gewahr, wie dünn das Eis ist, auf dem er geht, wie schnell die Sicherheit in Stücke fällt, das eigene Licht verlischt

Das ZDF machte dieser Tage eine Umfrage unter evangelischen Pfarrern, was sich mit dem 11. September getan habe. Fast 90 Prozent gaben an, spontan zusätzliche Gottesdienste, Friedensgebete und Bibelkreise veranstaltet zu haben. (Die meisten sind inzwischen allerdings wieder eingeschlafen). Knapp 20 Prozent der Pfarrer zählen heute - drei Monate später - immer noch mehr Hörer in der Sonntagspredigt. Alle gaben an, von der Kanzel über den Angriff auf New York gesprochen zu haben. Und wenn man selber herumfragt, sagen Priester und Pastoren, nie seien sie im Leben häufiger auf ihre Predigten angesprochen worden als nach jenem 11. September, nie seien die Kirchen voller, die Gemeinden dankbarer, nachdenklicher und wacher gewesen als da. Das ist durchaus politisch gemeint, das ist durchaus religiös gemeint. Und nun kämpfen die Kirchen darum, dass sich die gnädige Routine und das selige Vergessen nicht wieder ihrer Schäfchen bemächtigen mögen

"Ich bitte Sie, vergessen Sie nicht: Es ist Krieg!", ruft Bischof Walter Mixa den Gläubigen zu, die hinaustreten werden in die Zerstreuungen der Vorweihnachtszeit. "Beten Sie, beten Sie, dass die Verantwortlichen die Kraft zum Frieden finden!" Der alte Dom zu Eichstätt ist bitterkalt und rappelvoll. Süßer Weihrauch schwängert die Luft. Kerzen flackern. In Bayern ist Advent, Afghanistan ist weit. Vorn im gewaltigen Ornat beschwörend der Geistliche. Er ist Militärbischof der katholischen Kirche und ein Prediger für den Frieden. Für ihn ist das, was den Afghanen widerfährt, kein gerechter Krieg. Er zitiert die Bergpredigt: "Tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, die euch verfolgen." Walter Mixa bebt innerlich, wenn er sich vorstellt, dass deutsche Soldaten ins Feld ziehen gegen die Elenden und Dürftigen der Dritten Welt.

Vielleicht ist der Himmel leer