Klaus Merkel tut, vordergründig, seit 25 Jahren das Gleiche: Er fotografiert Steine. Steine, die Menschen zu Stadtlandschaften oder Friedhöfen gemeißelt haben, zu Spiel- und Kultstätten. Felsformationen, von der Natur zu Heiligtümern arrangiert. Oder Jahrhunderte alte Baumstämme und kultivierte Landschaften, die wie versteinert aussehen. Tuff, Kalk und Speckstein fotografiert Merkel, Granit, Kiesel, Basalt auf der ganzen Welt.

Tausende von Kilometern weit hat er auf der Suche nach den stummen Zeugen seine alte Hasselblatt-Kamera im immer gleichen, viele Kilo schweren Rucksack geschleppt, durch die Hitze des Dogon-Landes auch mal wochenlang zu Fuß, oder er hat sie in rostigen Bussen auf Knien gehütet. Kaum ein Land, das der Rolling Stone nicht bereist hätte; von Bolivien bis Nordirland, von Indonesien bis in die Türkei. Zu einsamen Kliffen führt Merkels Spur der Steine, zu überwucherten Tempeln und abgelegenen Felsformationen. Aber auch zu klassischen Reisezielen: dem Monument Valley, den Pyramiden von Giseh und Sienas Dachziegelkaskaden, Orten, die man oft fotografiert gesehen hat - und doch meint man angesichts seiner Bilder, es wäre das erste Mal.

Denn ebenso kolossal überraschend wie nahe liegend assoziiert der Berliner Künstler weltumgreifende Korrespondenzen, Spannungen und Parallelen: zwischen den scharf konturierten Schwüngen des Amphitheaters von Epidaurus und den erdig glänzenden philippinischen Reisterrassen; zwischen der Form der ägyptischen Djoser-Pyramide und jener eines indonesischen Vulkankraters. Nach 24 Jahren erschien das erste Buch - und wurde ein Auflagenerfolg, »obwohl ich«, so Merkel, »der absolut einzige gewesen bin, der all die Jahre gesagt hat: das funktioniert«. Welch irritierend langer Atem. Dieser Unbeirrbare ist ein Rätsel. »Manchmal bin ich über mich selber verblüfft.«

Sein Thema hat Merkel über Jahrzehnte gerundet wie eine endlos erscheinende Phrase einer Bruckner-Sinfonie. Wenn er mit heißem Interesse für kalte Materie die »Verflechtungen von Geist und Natur« gegenüberstellt, dann geht es ihm nicht schlicht um Archetypen oder Ähnlichkeiten. Der Blick des Fotografen richtet sich vielmehr gezielt auf ein verbindendes Element, den gemeinsamen »Prägestock der Dinge«: die Zeit, deren Geheimnisse er in Morphologie und Struktur der Steine immer wieder ergründet und doch nicht wirklich lüften, entzaubern will. Einen wie Klaus Merkel beschäftigen solche Fragen: »Was war zuerst da, das Sandkorn oder der Fels?«

Die Zeit schleift den Stein. Sie fräst ihre Spuren in Hochplateaus und Kathedralen. Sie lässt Jahresringe und Ablagerungen wachsen, »wie Archive« erscheinen die Schichten der Canyons. In alte Flussläufe ist die zyklische Wiederkehr von Bewegung und Ruhe eingraviert. Zeit überdauert auch die ältesten Kulturen: Regen und Wind lassen kunstvoll behauene Säulen über die Jahrhunderte wieder zu ursprünglichen Felsen verwittern, und riesenhafte Baumwurzeln erwürgen Altäre. Mit solchen Bildern ermöglicht Klaus Merkel das Lesen der Zeit im Text der Natur , so der Buchtitel. Doch wie jeder Passionierte lässt er sein Werk darauf nun nicht festlegen, wehrt eigenwillig jede interpretierende Zurichtung ab.

Nein, die Fotos seien nicht gefrorene Zeit, und Zeit sei auch nicht ihr einziges Thema: »Da steckt viel mehr drin. Alles, was der Betrachter sieht.« Überhaupt schaffe er keine Fotos, sondern »fotografische Gemälde. Lichtbilder«. Also nicht Dokumente, sondern »Konzeptkunst«, so der 61-Jährige, der selbst ein wenig verwittert aussieht. »Ein Dokumentarfoto würde eine Allee zeigen. Aber für Alleen interessiere ich mich nicht.« Theoretiker allerdings sei er schon gar nicht, und eigentlich könne man über Fotografien sowieso nicht reden. »Komplizierte Anweisungen zum einfachen Schweigen« nennt denn auch der Schriftsteller Peter Bichsel Merkels knappe Buchtexte zur Beschreibung seiner Bilder und dessen, was hinter ihnen steht.

Bichsel ist ein Freund, und doch fragt er: «Vielleicht ein Nichtstuer, vielleicht ein Flaneur, ein Denker, ein Landstreicher. Wer kennt Klaus Merkel - ich nicht.« Auch andere rätselten, wenn er immer wieder abtauchte: »Was macht der eigentlich?« Und forderten ihn auf: »Mach doch mal was Richtiges!«