Eine Patientin hatte der Berliner Zahnärztin Kirsten Falk von der Obdachlosenpraxis am Ostbahnhof erzählt. Auch von Jenny de la Torre, der Ärztin dort, hatte sie gehört. "Ich dachte, vielleicht wird da auch meine Kunst gebraucht", erzählt die junge Frau. Und auf die Frage, warum sie sich für die Obdachlosenpraxis engagiere, antwortet die 34-jährige Zahnärztin knapp: "Mir geht es selber gut. Man hat doch eine Pflicht zu helfen."

Anfangs fuhr Kirsten Falk einmal im Monat mit ihrem Zahnarztköfferchen zum Ostbahnhof. Doch das genügte bald nicht mehr. Ich habe gelernt, dass ich einem Obdachlosen nicht einfach sagen kann, kommen Sie in meine Praxis, ich behandele Sie dort."

10 000 Menschen gelten in der Hauptstadt offiziell als wohnungslos, die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. "Ich hätte mir früher kaum vorstellen können, dass man in einem Land wie Deutschland nicht krankenversichert sein kann", sagt Kirsten Falk. Etwa 85 Prozent der Obdachlosen sind ohne diesen Schutz. Auch zum Sozialamt trauen sie sich oft nicht, in eine Arztpraxis schon gar nicht. Krank werden sie trotzdem, durch das Leben auf der Straáe sogar öfter als andere Menschen. Viele von ihnen sind drogenabhängig, alkoholkrank, psychisch stark gefährdet oder alles zusammen. Manche kommen mit Beschwerden, mit denen normale Ärzte kaum zu tun haben. Einmal erschien ein Obdachloser, dem seine Socke in einer Wunde festgewachsen war.

Kirsten Falk ist inzwischen unter ihren Kollegen bekannt, wohl auch wegen ihrer hartnäckigen Art, sich für die Obdachlosenpraxis einzusetzen. "Als ich anfing, ehrenamtlich hier zu arbeiten", erinnert sie sich, "gab es zwar einen Zahnarztstuhl, den ein Kollege gestiftet hatte, aber die Schubladen in der Praxis waren leer." Also ging die junge Zahnärztin bei anderen Ärzten betteln. Seit kurzem ist die Praxis vom Ostbahnhof in Räume der St.-Andreas-Gemeinde gleich gegenüber dem Bahnhof gezogen. Der Trägerverein MUT unterhält dort neben der Praxis eine Kleiderkammer, Duschen und eine Essenausgabe.

Kirsten Falk kommt inzwischen einmal in der Woche an ihrem freien Nachmittag zu den Obdachlosen. "Zartbesaitet darf man da nicht sein." Das läge ihr auch fern.