ZEIT: Probleme beim Priester- und Pastorennachwuchs, nach wie vor hohe Kirchenaustrittszahlen, ein Image als gestrig - haben die Volkskirchen ihr Volk vergrault?

Jepsen: Wir erleben seit den 68ern eine Abneigung gegen Institutionen. Der Kirche wurde immer vorgeworfen, dass wir religiös zu abgehoben seien. Das Seltsame ist nur: Wir hatten gedacht, eine andere Sprache sprechen zu müssen, und haben uns vielleicht manchmal zu sehr der normalen Sprache angepasst und dafür das Geheimnisvolle der alten Sprache aufgegeben.

ZEIT: Sie haben das Gespräch mit der Jugend nicht gerade aktiv gestaltet.

Jepsen: Natürlich machen wir Fehler, die macht jede Generation. Wir erleben zurzeit viele neue religiöse Suchbewegungen, man probiert verschiedene Formen von Spiritualität aus. Ich habe keine Schwierigkeiten, neue Gruppen zu respektieren - die können uns auf Defizite hinweisen, innerhalb unserer Kirche mehr "fromme" Pluralität zuzulassen und einzuüben. In Sorge bin ich allerdings, wenn es bei nur persönlichen Jesus-Beziehungen bleibt und die gemeindlich-gesellschaftliche Verantwortung ausgeklammert wird.

ZEIT: Seit der postmodernen Erosion absoluter Wahrheiten gibt es einen Hang zur Patchworkreligion: Man nimmt sich von hier und da, was einem zusagt. Haben Sie den Wandel unterschätzt?

Jepsen: Wichtig ist doch, dass die Jugendlichen eine starke Sehnsucht nach Transzendenz haben. Wenn sie eine Religiosität praktizieren, die uns fremd ist, ist das eigentlich nichts anderes als das, was wir in unserer Jugend auch gemacht haben, mit dem Unterschied, dass wir stärker angepasst waren. Das ist die junge Generation heute nicht so, und das ist das Anstößige für uns. Diese Jugendlichen sehen die Steifheit unserer Sprache und setzen ihr eine für uns verstörende entgegen.

ZEIT: Kann die alte Kirche von Gruppen wie den Jesusfreaks oder Kraftwerk lernen, wie man eine Kirche der Heterogenität, eine "Kirche der Postmoderne" baut?

Jepsen: Ich bin bei einem Gottesdienst der Jesusfreaks in Hamburg gewesen, das hat mich sehr beeindruckt. Faszinierend finde ich, dass sie die Bibel so nehmen, wie sie ist, dass sie das Gotteswort für sich auslegen. Ihre sehr persönlichen Interpretationen stimmen mit den zentralen Aussagen der Bibel keineswegs immer überein. Aber wenn ich dann am Schreibtisch sitze und unsere Kommentare sehe, ist das auch nicht immer unbedingt den Inhalten angemessen. Die Jesusfreaks und ähnliche Gruppen machen uns Mut, deutlich unser Profil zu schärfen. Wir waren zu verkopft, zu ängstlich.