Das Pergament war eine Erfindung der Not. Um 190 vor Christus ging König Eumenes von Pergamon das Schreibmaterial aus, Papyrus wurde knapp. Die über Alexandria und die dortige Bibliothek herrschenden Ptolemäer hatten die Produktion blockiert, um ihr Informationsmonopol zu schützen. Da erinnerte sich in Pergamon ein schlauer Untertan an die Tradition, die Häute von Kälbern, Schafen und Ziegen zu beschreiben. Das Pergament wurde zum Hauptdatenträger für Schrift, bis der Buchdruck auf Papier erfunden wurde.

Welcher Not die CD-ROM ihre Existenz verdankt, darüber kann man streiten. Unbestritten ist, dass die Kunststoffscheiben zu den Haupttransportmitteln der digitalen Revolution gehören. Bis zum Auftritt der verwandten Nachfolgetechnik DVD galten sie als das Speichermedium schlechthin. Billig herzustellen und zu vertreiben, ermöglichen sie dank ständig verbesserter Datenkompression leichten Zugang zu jeder Art digitalisierter Information. Deshalb schienen vor vier bis fünf Jahren die CD-ROMs in den Himmel zu wachsen.

Auch der Klassikerverlag Reclam begann damals, seine Schultexte auf Scheiben zu brennen. Doch schnell wurde deutlich: Für die Veröffentlichung von Goethes Goetz war die CD-ROM nicht geeignet. Bei lediglich 100 Druckseiten bleiben 99,9 Prozent des Speicherraums ungenutzt. Ralf Szymanski, studierter Philosoph, "Kaufmann aus eigener Ermächtigung" und Chef des Verlages Direct Media in Berlin, war einer der wenigen, der aus dieser Erfahrung lernte. Er machte sich auf, nach passenden Inhalten für das Daten fressende Medium zu suchen. Das war die Geburtsstunde der Digitalen Bibliothek.

"Unser Traum war und ist es, die Standardwerke und Textsammlungen aller geisteswissenschaftlichen Bereiche digital zur Verfügung zu stellen." Vier Jahre ist es her, dass als Band 1 der Digitalen Bibliothek eine CD-ROM mit rund hunderttausend Seiten deutscher Literaturerschien. Dieter E. Zimmer erkannte damals in der Scheibe eine editorische Wende, vergleichbar der Erfindung des Taschenbuchs durch Rowohlt 1953. Dabei war 1997 der Begriff Digitale Bibliothek noch kaum mehr als ein Versprechen. Inzwischen ist mit dem 54. Banddie Grenze von einer Million digitalisierter Seiten überschritten. Eine vollständige Sammlung der Digitalen Bibliothek, einst von Besitzern kleiner Wohnungen als Platzsparer begrüßt (1 CD-ROM ersetzt 1 Regalmeter Lexikon), belegt heute schon 70 Zentimeter Stellfläche. Nicht nur die einzelne CDROM mit ihren Textmassen, noch mehr die Gesamtheit aller Werke markiert einen Umschlag von Quantität in Qualität. 175 000 Druckseiten der Deutschen Literatur von Lessing bis Kafka (149,- DM) sind eine Bibliothek für sich. Doch auch die ganze, fast 60 Bände umfassende Digitale Bibliothek ist für denjenigen überschaubar, der nur eine ihrer CD-ROMs besitzt. Alle Bände haben einen Index aller Bände und sind mit ein und derselben Software dargestellt.

So ergab eine Suche im Gesamtindex nach dem Begriff "Pergament" in der Geschichte des Buchwesens (149,- DM) 63 Einträge zu diesem Stichwort. In Goethes Briefen, Tagebüchern, Gesprächen (198,- DM) wird er 17-mal, im Lexikon der Antike (99,- DM) 23-mal und in Kindlers Malereilexikon (99,- DM) 164-mal erwähnt. Auch wenn die Abfrage des Gesamtindex in Sekundenschnelle zu Ergebnissen führt - ihre Sicherung und Auswertung würde, vorausgesetzt, man wäre im Besitz aller dieser Werke, Stunden beanspruchen. Aber nicht Monate oder Jahre, wie es vordem das nichtdigitale Suchen, Lesen und Anstreichen verlangten.

"Ich bin ein schwaches Weib"

Je näher die Digitale Bibliothek dem selbst gesetzten Ziel kommt, alle grundlegenden Werke und Texte der Geisteswissenschaften erfasst zu haben, desto feinere Fragen können formuliert und damit intertextuelle und fachübergreifende Zusammenhänge hergestellt werden. Klassische philologische Aufgaben wie Vergleiche von Texten und Motivgruppen oder die Aufdeckung versteckter Zitate sind jetzt sehr viel schneller zu lösen als mit Kopierer und Karteikasten.