Liebe Frau Lee,

da Ihr Mann bereits 1973 im Alter von 32 Jahren gestorben ist - nachdem er weltweiten Ruhm als Star von Martial-Arts-Filmen erlangt hatte -, bedarf es avancierter Computertechnologie, um ihm ein Comeback zu verschaffen. Er ist damit der erste Tote, der wiederaufersteht, um als virtueller Schauspieler eine Hauptrolle in einem Kinofilm zu übernehmen. Das 50-Millionen-Dollar-Projekt war nur möglich, nachdem Sie die Rechte an der Kinofigur Bruce Lee verkauft haben.

Hier ist etwas Neues geschehen. Bisher hatte man das Copyright an materiellen oder geistigen Gütern. Eine Witwe konnte Roman- oder Musikrechte ihres verstorbenen Gatten verkaufen, aber es hat noch niemand die Individualität einer Person verkauft. Sie eröffnen damit einen neuen Geschäftsbereich, und Sie stehen nicht alleine damit. Fortschritte in der Computeranimation haben dazu geführt, dass reale und virtuelle Personen visuell gleichwertig in Filmen mitspielen können. Synthetische Schauspieler gehören zur Zukunft des Kinos.

Mit Ihrer Einwilligung wird zum ersten Mal eine reale Person, die tot ist, ohne deren Einwilligung, die sie nicht geben kann, weil sie tot ist, zum Star eines Films gemacht. Ein Film, dessen Drehbuch diese Person, solange sie lebte, nicht kannte und dessen Verfilmung sie nie kennen lernen wird.

Da man nicht behaupten kann, Bruce Lee als Person spiele in diesem Film, geht es allerdings nicht mehr um die Frage nach dem freien Willen und der Würde des Menschen Bruce Lee. Es geht um die Frage, wer das Copyright auf das Branding von Bruce Lee besitzt - und was der Verkauf dieses Copyrights bedeutet.

Die Dinosaurier von Steven Spielberg waren noch gratis zu haben und pflegeleicht dazu: Ein unemotionaler Computer ohne Körper und Person wurde zu einem emotionalen Wesen, zumindest auf der Leinwand. Ihr Beispiel, verehrte Frau Lee, zeigt den umgekehrten Weg. Ein Mensch kann auch zu einer depersonalisierten Maschine werden, zu einer visuellen Ware. Daraus kann man lernen, dass Stars schon zu Lebzeiten ihre Rechte für posthume Verwertung verkaufen können. Die Braut eines Stars könnte im Ehevertrag die Klausel einfügen, dass nach dem Ableben ihres Mannes die Rechte für spätere filmische Verwertung ihr gehören (oder der Star dies verhindern). Die Auferstehung vom Tode, einst ein religiöser Akt und Traum, wird nun zu einem technischen Verfahren und ökonomisch verwertbar. Tote darf man plündern, heißt die Ethik dieser Zukunft.

Es handelt sich bei Geschäften mit Toten nicht um business as usual. Diesen Hinweis möchte ich mir erlauben. Der Prozess der totalen Ergebung an die Ökonomie ist mit dem Verkauf der Rechte an Bruce Lee eine Station weiter gegangen. Sie haben Bruce Lee ausgeliefert. Sie machen ihn zu einer Geisel der Filmindustrie. Wenn in Zukunft Menschen, die einmal gelebt haben, in Spielfilmen zu Monstern mutieren, weil ihre Nachkommen eingewilligt haben, die Gesichter dieser Menschen zu vermarkten, dann wissen Sie, dass Sie am Ursprung dieser Entwicklung mitgewirkt haben. Bisher war der Mensch in seinem Leben nicht frei. Nun ist er auch nach seinem Tode unfrei.