Heilig Abend ist nun einmal das Fest der Liebe. Das hat sich auch bei den notorischen Einzelkämpfern, die das ganze Jahr ihre Unabhängigkeit demonstrieren, herumgesprochen. Um den 20. Dezember herum gönnen auch sie sich mal einen weichen Moment. Ihm graue schon vor Weihnachten, jammert mein Vetter vierten Grades, von dem ich seit drei Jahren nichts mehr gehört habe, weil er jetzt in schickeren Kreisen verkehrt. Was wir denn am 24. so vorhätten? Auch der Exexexfreund, der mich bei seinen letzten drei rauschenden Partys nicht eingeladen hatte, wird sich garantiert noch melden und ein paar andere Saisonsensibelchen, die normalerweise vollauf beschäftigt sind mit ihrer Karriere, ihren herrlichen Reisen oder kurzlebigen Affären. Sie alle zeigen mir ihre verschüttete Restfreundschaft, indem sie sich bereit erklären, ihren einzigen Heultag des Jahres mit mir und meinem Gänsebraten zu teilen.

Den ganzen Abend wird wortreich bereut, dass man sich derart aus den Augen verloren habe, und auf wahre Freundschaft getrunken. Aber nur bis zum Abwasch. Dann müssen sie dringend los. Ab 23 Uhr kann man sich nämlich wieder blicken lassen, ohne als einsam zu gelten, da sind auch die Clubs endlich offen. Aber dieses Jahr wird alles anders. Ich werde ihnen die Stirn bieten und eine handfeste Gallenkolik vortäuschen.