Das rote Telefon der Europäischen Zentralbank ist in Wirklichkeit weiß. Unscheinbar und klein steht es auf dem Schreibtisch von Francesco Papadia. Wenn es ernst wird und Geheimhaltung zählt, greift der Chefhändler der EZB zum weißen Hörer und hat sofort seine Kollegen der nationalen Notenbanken an der Strippe. Aus seinem Büro im Frankfurter Eurotower koordiniert Papadia die Eingriffe der EZB in den Markt, versorgt die Banken mit Geld oder handelt mit Devisen.

So wie am 11. September: Nach den Terroranschlägen in den USA drohte der Weltwirtschaft das Geld auszugehen - die amerikanischen Banken waren wie gelähmt. Vier Stunden telefonierte Papadia mit den Notenbankern in Rom, Paris oder Brüssel, er redete auf seine Kollegen ein. Dann stand fest: Die EZB würde Geld in den Markt pumpen, am 12. September allein 69 Milliarden Euro. Weil die Geschäftsbanken auch Dollar brauchten, vereinbarte Papadia später noch ein Tauschgeschäft mit der US-Notenbank: Zum ersten Mal in ihrer erst dreijährigen Geschichte verlieh die EZB eine fremde Währung - diese Aufgabe ist in ihren Statuten gar nicht vorgesehen.

Ihr schnelles Handeln brachte der Zentralbank bei Händlern, Analysten und Politikern viel Lob ein. Es war das einzige Lob im ganzen Jahr. Ansonsten hagelte es Kritik: Die EZB senke die Zinsen zu langsam, stimuliere die schwächelnde Konjunktur zu wenig und kommuniziere ihre Geldpolitik auch noch schlecht. Tatsächlich sind die Lenker der zweitwichtigsten Notenbank der Welt manchmal übervorsichtig. Schließlich gibt es die EZB erst seit drei Jahren. Und nie zuvor gab es eine Währungsunion ohne politische Union.

Ihr eigentliches Problem aber heißt Alan Greenspan. Es ist der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, an dem die Eurobanker gemessen werden - und diesen Vergleich verlieren sie. Regelmäßig. Da mag EZB-Chef Wim Duisenberg noch so locker auftreten, vier Sprachen sprechen und in Ratssitzungen den einzelnen Notenbankpräsidenten für ihre öffentlichen Äußerungen auch schon mal die Leviten lesen: Devisenhändler und Volkswirte halten von der Arbeit des Niederländers nicht viel. Solange Alan Greenspan amtiert, wird sich das kaum ändern.

Die Europäische Zentralbank ist unberechenbar, klagen die professionellen und hoch bezahlten Beobachter in den Banken. Nur jedem dritten Experten gelang es im laufenden Jahr am Tag vor einer Zinsentscheidung, diese richtig vorherzusagen. Dagegen wurden die Entscheidungen Greenspans von den Fed-Beobachtern zu 86 Prozent richtig getippt. Das ist deshalb so wichtig, weil Banken auf Zinsentscheidungen spekulieren.

Unvergessen ist der 11. April 2001. Die Wetten lauteten auf Zinssenkung, vor allem, weil zwei der wichtigsten Stimmen im Rat, EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing und der französische Notenbankchef Jean-Claude Trichet, in Interviews deutliche Hinweise auf eine bevorstehende Senkung gegeben hatten. Doch nichts passierte. Später erklärte Duisenberg, dass die Inflation weiter Anlass zur Sorge gebe. Die EZB-Beobachter folgerten, die Zinsen würden frühestens im Sommer gesenkt. Dann kam der 10. Mai, wieder eine Ratssitzung - und prompt senkte Duisenbergs Truppe die Zinsen. Die Wut der Händler, die das zweite Mal in Folge verkehrt lagen und dabei Geld verloren, war der EZB sicher.

Also schimpfen die Analysten auf Duisenberg, und die EZB wundert sich, warum sie ihre Strategie nicht vermitteln kann. Dabei ist gerade das einfach zu erklären: Die 18 Ratsmitglieder entscheiden nicht nur über die Zinsen, sondern reden auch viel - in ihren Heimatländern und gegenüber der Presse. Oft widersprechen sie sich dabei. Niemand weiß, wessen Worten man lauschen soll. Wer ist Mister EZB?