Auf dem grünen Sessel: Regisseur Dieter Wedel, 59. Er dreht gern Vier-, Fünf- oder Sechsteiler fürs Fernsehen. Die Klatschspaltenbilanz beträgt sechs Kinder von sechs Frauen. Mit seiner Dauerlebensgefährtin wohnt er hier in Hamburg-Tonndorf, mit seiner jungen Freundin auf Mallorca.

Dabei sieht Wedel nicht wie ein Womanizer aus. Den Hosenbund trägt er in Großvaterart schon etwas höher. Sein cremefarbenes Hemd aus fließendem Stoff und das silberne Armband wirken geckenhaft, fast ein wenig rührend. Herein kommt der freundliche braune Pudel Billy, und man kann sich davon überzeugen, es stimmt, was andere Gäste schon bemerkten: Die Frisuren von Herr und Hund ähneln sich sehr.

Diese ganze Stadtrand-Szenerie erinnert weniger an eine Künstlerwohnung als an eine der Eigenheimkulissen, in denen Oberkommissar Derrick seine immergleichen Fragen stellte: bürgerlich, wohlhabend und ungefähr so hip wie Horst Tappert. In das gediegene Ambiente platzte eines Tages eine "dickliche 25-Jährige", erzählt Wedel. Sie kam vom Finanzamt, um eine Steuerprüfung durchzuführen, sah sich um und sagte: "So möchte ich auch wohnen." Und das nicht etwa höflich, sondern spitz. Jedenfalls kam es bei Wedel so an, der zornig wird, wenn er nur daran denkt. Mit den Fingernägeln der rechten Hand beginnt er auf dem Velours seiner Armlehne zu scharren: "Man wird von denen behandelt, als ob man der Untertan wäre."

Wedel hat Wut und ein neues Lieblingsthema: das fiese Finanzamt und die Unmöglichkeit, seine eigene Steuererklärung zu verstehen. Dabei hält er sich doch für "zumindest durchschnittlich intelligent". Er wird immer lauter: "Die Steuerpolizei hat mehr Macht als jede Polizeidienststelle in Deutschland." Gestikulierend kommt er auf seinen neuen Film zu schimpfen: "Der arme Herr Semmeling wird in den Ruin getrieben."

Durch die TV-Familiengeschichte der vom Pech verfolgten Häuslebauer und Urlauber Trude und Bruno Semmeling (Einmal im Leben, Alle Jahre wieder) wurde der junge Wedel vor fast dreißig Jahren bekannt. Mit der Affäre Semmeling, die zwischen 2. und 14. Januar im Zweiten läuft, nimmt er den alten Faden nun wieder auf. Vater Bruno (Fritz Lichtenhahn) hat mit dem Finanzamt zu kämpfen, Sohn Sigi (Stefan Kurt) geht in die korrupte Politik. Wie immer wird "der neue Wedel" größer denn je. Mit 27 Millionen Mark ist der Sechsteiler das teuerste ZDF-Fernsehfilmprojekt aller Zeiten. Entsprechend gewaltig ist der Erfolgsdruck. Dieser Wedel-Streifen darf, anders als der letzte bei Sat.1 (Der König von St. Pauli), kein Reinfall werden.

Dreieinhalb Jahre hat er an dem Koloss gearbeitet und an rund 200 Drehtagen mit insgesamt etwa 200 Schauspielern gedreht, darunter typische Wedel-Stars wie Mario Adorf und Heinz Hoenig, aber auch Neuzugänge wie Heike Makatsch. Und wie immer war Wedels von Hand geschriebenes Buch viel dicker und später fertig als geplant: "Ich schreibe immer kleiner, damit es nicht so lang aussieht." Weil es abgetippt wieder auf die wahre Länge wächst, "schimpfe ich mit den Sekretärinnen", sagt Wedel und grinst.

Anders als für die Steuerbehörden hat Wedel für die Nöte der Politiker bei seinen Recherchen Verständnis entwickelt: "Kungelei und Langsamkeit sind der Preis für Demokratie." Nie wird er müde, alle Ähnlichkeiten mit realen Personen für Zufall zu erklären. "Mit Schrecken" will er beispielsweise erst festgestellt haben, dass sein schlanker, grauhaariger Bürgermeister Hennig (Robert Atzorn) nicht nur so ähnlich heißt, sondern auch fast so aussieht wie Hamburgs Exbürgermeister Henning Voscherau.