Ernst, die Moslems sind da", rief Frau Jünger nach oben, als die Abgesandten mit der Nachricht von der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bilbao unangemeldet im Dichterhaus zu Wilflingen eintrafen. Ein muslimischer Professor hatte die Auszeichnung veranlasst, Überbringer der Botschaft war eine Gruppe von Glaubensgenossen. Die Szene spielt im Jahr 1989. Ernst Jünger kam herunter, zeigte sich erfreut und bekannte Sympathien für den Islam. Erstens war der Prophet Mohammed ein Krieger gewesen, das gefiel dem alten Soldaten. Dann, schon wegen der Pilgerfahrt nach Mekka, sei der Islam eine Religion des Reisens, und ein leidenschaftlicher Reisender sei er ebenfalls. Schließlich - der 94-jährige Jünger sah seine Liselotte an: Vier Frauen haben zu können, wie der Koran es erlaubt, wäre auch nicht schlecht. Jedenfalls gab es keinen Grund, den angetragenen Titel abzulehnen, und Ernst Jünger ist denn auch nach Spanien gereist, um die Ehrung mit einer respektvollen Rede auf den Islam entgegenzunehmen.

Der Mann, der die Geschichte erzählt, gehörte selbst zu der kleinen muslimischen Delegation. Er erzählt in badischem Tonfall. Abu Bakr Rieger stammt aus dem Schwarzwald und ist während seines Jurastudiums zum Islam übergetreten. Für ein paar Jahre hatte er sich als Anwalt in Weimar niedergelassen, aus Liebe zu Goethe, wie er sagt; besonders gern hat er nebenbei muslimische Freunde und Besucher durch die heiligen Stätten der deutschen Nationalliteratur geführt. Inzwischen sitzt er in einer Kanzlei in Potsdam, gibt die Islamische Zeitung heraus, die monatlich mit einer Auflage von 10 000 Stück erscheint, und ist Zweiter Vorsitzender des Islamrats - jener zweiten muslimischen Dachorganisation in der Bundesrepublik (neben dem größeren Zentralrat der Muslime), die von den deutschen Behörden misstrauisch betrachtet wird, weil ihr dominierender Mitgliedsverband der türkisch-isla-mistische Milli-Görüs-Verein ist. Für Rieger freilich machen nicht irgendwelche Träume vom Gottesstaat das Unruhepotenzial und die Aktualität des Islam aus, sondern der Widerstand gegen die Ökonomisierung der Gesellschaft, zum Beispiel das Zinsverbot des Korans. Der grenzenlose Kapitalismus hebt die Orts- und Raumbindung von Mensch und Leben auf; Rieger hat sie in Mekka wiedergefunden, am Weltmittelpunkt der Kaaba. Fast möchte man sagen: Er ist aus Heimweh Muslim geworden.

Was es nicht alles gibt in Deutschland! Der 11. September und der Krieg in Afghanistan haben schlagartig auch die islamische Welt in der Bundesrepublik in den Blick gerückt. Neugier ist geweckt worden, Sorge ebenfalls. Otto Schily hat den "Kalifatsstaat" des Metin Kaplan verboten, eine eher bizarre Randgruppe. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein fordert das Gleiche für Milli Görüs, was bei 27 000 Mitgliedern und engster Verknüpfung mit der türkischen Innenpolitik schon ein ganz anderer Kraftakt wäre. Sind wir tolerant genug - oder sind wir im Gegenteil zu vertrauensselig und lax? Mitte Januar soll in Karlsruhe über die Verfassungsbeschwerde eines muslimischen Metzgers entschieden werden, dem Ämter und Verwaltungsgerichte das Schächten verboten haben. Politiker, Schulbehörden und Juristen sind uneins darüber, ob muslimische Lehrerinnen im Klassenzimmer ein Kopftuch tragen dürfen. Das Nachdenken über islamischen Religionsunterricht ist dringlich geworden - und das grade in einem Augenblick, da sich die Rolle des Christentums in der staatlichen Bildung nicht mehr von selbst versteht, wie der Streit um die kirchenferne brandenburgische Lebenskunde zeigt.

Die Diskussion über all das Fremde, mit dem die Mehrheitsgesellschaft sich konfrontiert sieht, schwankt eigentümlich zwischen Konfliktscheu und Selbstbehauptungswillen. Ein clash of civilizations darf um Gottes willen nicht stattfinden, und als Italiens Ministerpräsident Berlusconi in Berlin von der Überlegenheit des Abendlandes über den Islam sprach, hoben sich erst einmal in entsetzter Abwehr die Hände. Darauf regte sich freilich die Frage, ob nicht etwas dran sei am politisch inkorrekten Eigenlob. Gerade Linke und Liberale, einerseits dem Multikulturalismus zugeneigt, ebenso aber der Aufklärung und Emanzipation verpflichtet, befinden sich angesichts verschleierter Musliminnen in einem seltsamen Zwiespalt. Soll man da nun ausländerfreundlich oder fundamentalismuskritisch sein, das Recht auf Anderssein verteidigen oder das finstere Mittelalter bekämpfen? Wie umgekehrt Konservative fasziniert auf die Traditionstreue und den Familiensinn im Islam blicken, der ihnen doch zugleich als Konkurrenz für das heimische Christentum und die Bräuche des Landes unbehaglich ist.

In den Moscheen beten die Alten

Es müsse Schluss sein mit einer bestimmten wohlmeinenden "interreligiösen Schummelei", meint der evangelische Bischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber. Etwas mehr Vorsicht wäre angebracht bei der neuerdings üblich gewordenen Rede von den "drei abrahamitischen Religionen" Judentum, Christentum und Islam oder bei der schnellen Erweiterung des jüdisch-christlichen Dialogs zum jüdisch-christlich-muslimischen Dreigespräch. Huber hat genug von der "Flucht ins Fremde", von einer scheinprogressiven Selbstverachtung, die den Kindern in der Schule alles über den Ramadan und das Laubhüttenfest beibringen will, während Advent und Weihnachten keine Themen mehr sind. Berlusconis Überlegenheitsprahlerei ist dem Bischof zwar befremdlich, und auch das Wort von der Leitkultur würde er kaum in den Mund nehmen: "Besinnung auf das Eigene muss nicht mit der Behauptung von Überlegenheit einhergehen." Aber eine frische Lust an Klarheit und Unterscheidung spürt man, notfalls auch am Streit. Ausgerechnet die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, die Inkarnation von protestantischem Fortschritts- und Friedenswillen, hat kürzlich Selbstanklage gegen das Desinteresse an Christenverfolgungen in der muslimischen Welt erhoben: "In vielen islamischen Ländern gelten die Christen als Bürger zweiter Klasse, da müssen wir deutlicher als bisher sagen: Wenn ihr mit euren Moslems bei uns Respekt und Gleichbehandlung einfordert, müsst ihr euch darum bemühen, dass bei euch wenigstens die Verfolgung aufhört."