Bildersucht.

Die Regel gilt nicht mehr. In der Stadt geschah der am aufwändigsten untersuchte Massenmord der Geschichte, und nun folgt der intensivste Versuch, die Opfer festzuhalten, ihnen Gesicht, Geschichte, Bestimmung zu geben. Die Zufallsmasse der Opfer des 11. September wird mit allen Mitteln gehoben, geborgen, personalisiert und individualisiert: Sie sind das Sample der heroes, das heilige Allgemeine.

Drei Monate nach dem Anschlag ist die Stadt noch immer hungrig nach Vorgeschichten: Da ist der Mann bei Cantor Fitzgerald, dem man zum Montag, 10. September gekündigt hatte und der am 11. noch mal ins World Trade Center kam, um seinen Schreibtisch zu räumen. Oder die Geschichte von Harry Ramos und seiner Witwe: Harry Ramos, head trader der May Davis Group im 87. Stock des Nordturms, hat als Einziger aus seinem Büro nicht überlebt. Er war im 36. Stock zurückgeblieben, um einem Mann namens Victor beizustehen, der zusammengebrochen war und nicht weiterkonnte. Seine Witwe hat ihm diese Selbstlosigkeit nie verziehen, bis sie vor kurzem selbst in einen Brand geriet. Sie floh nicht aus dem Gebäude, sondern rannte Richtung Brandherd - und rettete einem Mann namens Victor das Leben.

Die New York Times hat in den Tagen nach dem Anschlag eine Serie begonnen, die noch läuft: Sie heißt Portraits of Grief und präsentiert auf einer Seite, manchmal sogar auf einer Doppelseite, Fotos und Kurzporträts der WTC-Opfer, mindestens zwölf am Tag. Wir sehen alle, die da fielen, Monate nach ihrem Tod. Wir erfahren, aus welchem Leben sie gerissen wurden, was sie hatten an irdischem Besitz und an Gründen, stolz zu sein. Wir lernen ihre Terminpläne kennen, als gingen alle diese Leben irgendwann weiter. Ganze Suburbs und Wohnungseinrichtungen erstehen vor dem inneren Auge des Lesers (die Serie, so hört man, hat eine ungeheure Leserschaft). Es ist ein Soziogramm der Verschwundenen, ein Wiederauferstehungsprojekt in je 30 trockenen Zeilen, ein Katalog von Toten, in dem, so die unterschwellige Botschaft, auch wir verzeichnet sein könnten. Und es ist wohl der größte aller Versuche, dieser Stadt Transparenz zu geben. New York ist bildersüchtig, wie man es von Hinterbliebenen kennt. "Wenn ein Haus brennt, retten viele Menschen als Erstes ihr Familienalbum", hat das Life Magazine mal geschrieben, und genau das geschieht seit Monaten: Die Stadt erstellt und rettet ihr Familienalbum.

Holy, Howling Ground. Um zwei Uhr nachts ist Ground Zero hell wie ein Filmset; eine riesige Wasserfontäne, die den Staub niederhält, wölbt sich, aus Hunderten Meter Entfernung sichtbar, über den Schutt. Es wird pausenlos gearbeitet, 6000 Leute gehören zur Mannschaft. In den evakuierten Hochhäusern ringsum brennt etagenweise das Licht, um dem Ort das Kraterhafte zu nehmen. Howling Space, heulenden Raum, nennt Don DeLillo die Leere über Ground Zero. Holy Ground nennen die Politiker die Grube (und Bürgermeister Giuliani versprach jeder Opferfamilie eine Urne mit Erde vom Holy Ground Zero, nachdem Betrüger Urnen mit falscher heiliger Erde in den Handel gebracht hatten). An der Ecke Vescey and West Street steht eine zehn Meter hohe kanadische Tanne neben einem silbernen Modell der Twin Towers, und an den Tannenzweigen hängen kleine Papierengel mit den Namen der Toten.

Tieflader fahren den Schutt nach Staten Island auf ein streng bewachtes Gebiet. Es soll dort viele Aasvögel geben. In den Dezembernächten, da der Schutt des Oberirdischen weitgehend abgetragen ist und die Räumarbeiter sich ins Unterirdische vorgraben, wo Büromöbel und Autowracks ein zähes Feuer unterhalten, werden immer wieder Leichen geborgen, die weitgehend unversehrt sind, manchmal sieben oder acht in einer Nacht. Der Leichnam wird auf eine Bahre gehoben und mit der amerikanischen Flagge zugedeckt; die Arbeiter salutieren, ein Kaplan begleitet den Toten zur provisorischen Leichenhalle, und die Arbeit geht weiter. In der Leichenhalle warten die forensic dentists; die Leute vom post-mortem-team machen Röntgenbilder von den Gebissen der Toten, die Leute vom ante-mortem-team verwalten die Röntgenaufnahmen, die von den Gebissen der Vermissten existieren, und die Leute vom comparison-team vergleichen die Aufnahmen.

Auf Ground Zero donnern die ganze Nacht schwere Schaufeln und Ladeflächen. Und während sie sich hier ins dritte Untergeschoss zur Glut vortasten, senden sie am Columbus Circle, der zwei Meilen nordöstlich liegt und von Flug AA11 am 11. September gegen 8.47 Uhr überflogen worden sein muss, ganz ähnliche Geräusche in die Nacht, ebenfalls 24/7, nonstop, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Dort baut Donald Trump Manhattans neue Twin Towers, das AOL Time Warner Center. 5-star-living at the center of the world, at the centre of everything versprechen die Plakate am Sockel der Baustelle - Fünfsterneleben im Zentrum des Universums. Mit diesem Los will die Stadt fertig werden in ihrem stolzen Wahn: Nullpunkt zu sein und Zentrum der Welt.