New York/Washington

Das Leben geht ja weiter. Trotz allem. Im Postkasten liegen wieder mehr Rechnungen als Kondolenzschreiben. Und deshalb ist es nach all der Trauer jetzt Zeit, über Geld zu reden, findet Tillie Geidel, und zwar öffentlich. Zeit, auf die Anfeindungen zu reagieren; auf die ehrabschneidende Kritik, die ihr bloß aus Neid geboren scheint.

Tillie Geidel ist 35, Witwe, alleinerziehende Mutter und dazu eine gebrochene Frau. Bewegungslos steht sie da, die Augen auf einen imaginären Punkt in weiter Ferne gerichtet. Sie stützt sich auf den Marmor der Fensterbank, ihre Hände liegen direkt neben ihrem Mann. Gary ist in Gold gerahmt zu sehen. Ein Kerl von einem Mann, breites Kreuz, flächiges Gesicht, riesiger Schnäuzer und dazu der große blaue Helm der Feuerwehr. So sah er aus, als er am 11. September zum Rettungseinsatz ins World Trade Center lief. Drei Monate ist das her. Und nun bekommt seine Witwe zu hören, sie profitiere vom Tod ihres Mannes. Unsittlich viel Geld bekomme sie geschenkt und habe als Feuerwehrwitwe im Monat mehr als je zuvor. Mehr jedenfalls als alle Angehörigen von Opfern ohne Uniform.

Dieses ganze Gerede, sagt Tillie Geidel, "macht mich wild". So wild, dass sie mitten hinein stößt in die hässliche Debatte dieser Tage: "Die Kritiker verstehen gar nichts. Natürlich müssen die Familien der Retter mehr Entschädigung bekommen als die Familien der Büroangestellten im World Trade Center. Die Feuerwehrleute haben schließlich freiwillig ihr Leben riskiert." Freunde macht Tillie Geidel sich so nicht. Seit je liebt New York die Feuerwehrleute. Ihren Heldenmut, ihren Einsatzwillen. Und als hätte es noch eines Ereignisses bedurft, den Mythos von den Rettern des Gemeinwesens in alle Ewigkeit fortzuschreiben, kam der 11. September über die Stadt. Gut 400 Uniformierte starben im Inferno, nachdem sie Tausenden das Leben gerettet hatten. Seither singt der Moderator Larry King allabendlich in Endloswiederholung das Hohelied vom tapferen Helfer. Und eine ganze Nation, im Herzen getroffen, umarmt die Zurückgebliebenen mit ihren Dollars.

Ein paar Tage nach dem Anschlag erhielt eine kleine Feuerwehrabteilung per Post einen Scheck über umgerechnet 495 000 Mark zugeschickt, einfach so. Eine andere Abteilung bekam leicht 4,4 Millionen Mark zusammen. Einmal sammelte ein Feuerwehrzug binnen eines einzigen Tages so viel Bargeld, dass die Scheine über Nacht in Plastiktüten in einer Badewanne gelagert werden mussten. Mehr als 200 Hilfsorganisationen sammeln Geld. Bis heute haben sie 3,1 Milliarden Mark zusammengetragen - staatliche Zuwendungen nicht mal mitgerechnet. Nie hat es in der amerikanischen Geschichte einen größeren Ausbruch an Bürgersinn gegeben.

Brüllduell der Angehörigen

Doch nun, da es an die Auszahlung geht, beginnt das große Wehklagen. Das schöne Bild von der einigen Nation verschwimmt im Streit zwischen den Hinterbliebenen, zwischen den Hilfsorganisationen, zwischen den Politikern. Zu besichtigen ist ein großes Hauen und Stechen, ein peinliches Politikum. Nur wem der Schulterschluss der vergangenen Monate unwirklich vorkam, wird finden, der Kampf um die Milliarden sei mehr von dieser Welt; und die New Yorker, als Raubeine berüchtigt, fühlten sich wieder zu Hause in der Kapitale des Kapitalismus.