Professor an einer deutschen Universität zu sein ist das Geilste, was es gibt." Harald Lesch sagt das, als könne er immer noch nicht recht glauben, dass da sein Name auf dem Schild neben der Bürotür steht. Als hätten alle Professoren, die sich über beengende Arbeitsverhältnisse beklagen, nicht begriffen, welche Freiräume sich ihnen bieten. Lesch jedenfalls genießt die Aussicht, für den Rest seines Berufslebens seinen beiden großen Leidenschaften frönen zu dürfen, nämlich dem Geschichtenerzählen und der theoretischen Astrophysik.

Dass diese Mischung in den Hörsälen Erfolg verspricht, leuchtet ein: Für eine Anekdote während der Vorlesung sind Studenten sehr dankbar. Dass sich allerdings Harald Lesch mit seinem kabarettistischen Elan, mit seiner innigen Liebe zu schwarzen Löchern und Quasaren binnen kurzem auch zu einer Konstanten des deutschen Late-Night-Fernsehens entwickeln würde, das war nicht ohne Weiteres vorherzusehen. Seit September 1998 moderiert der 41-Jährige die Sendung Alpha Centauri auf BR Alpha, dem Wissenschaftskanal des bayerischen Fernsehens. Das Rezept ist einfach: Ein Mann im farbstarken Oberhemd steht in einem Studio mit Klassenzimmer-Deko und erklärt das Universum. Ohne Teleprompter, ohne 3D-Grafiken - nur ein Professor und sein Mundwerk.

Alle zwei Wochen beantwortet Lesch während der 15-minütigen Sendung Fragen wie: "Was ist eine Supernova?" oder "Gibt es Schnaps im Weltraum?" Wenn er mit trockenem Witz so gesten- wie kenntnisreich über kosmologische Phänomene spricht, dann wirkt er ein bisschen wie Lehrer Bommel aus der Feuerzangenbowle, der die "Dampfmaschin" erklärt: "Was ist die Sonne für ein Ding?", fragt er, schnauft leise und blickt über den Brillenrand in die Kamera. "Haben wir ja schon mal drüber gesprochen: ein Gasball." Lesch beweist, dass das "Marsgesicht" ein Haufen Schutt ist. Er geht der Frage nach, ob es den Stern von Bethlehem gab. Oder sagt uns, wo die Asteroiden herkommen und die Sonnenwinde.

In seinem Büro, neben einem Bild Neil Armstrongs nach der Mondlandung, hängt ein Plakat von Hanns Dieter Hüsch, seinem Kleinkunsthelden. "Ich glaube, mein Vortragsstil ist ziemlich verhüscht", sagt der Hobbykabarettist. "Ich wäre vielleicht auch ein ganz ordentlicher Märchenerzähler auf dem Basar geworden." So wenig oberlehrerhaft sein Auftreten in Alpha Centauri ist, so unprofessoral war die Äußerung, mit der seine Laufbahn als Astro-Anchorman begann. Es war 1998, da sprach Harald Lesch, Prodekan des Instituts für Astronomie an der Münchner Universität, vor laufender Kamera den erstaunlichen Satz: "Das weiß ich nicht." Er sollte im bayerischen Fernsehen erklären, was die Symbole bedeuten, die man der Pioneer 10-Weltraumsonde - auf eine Metallplatte geprägt - als Botschaft für etwaige Außerirdische mitgegeben hatte. Einige dieser Symbole kannte er nicht - und gab's freimütig zu.

"Mir ist gestern ein Stern geplatzt"

Stattdessen erzählte er einige andere sehr interessante Dinge über das Weltall, sodass zehn Minuten ungeschnittener O-Ton des eloquenten Mannes von der Münchner Sternwarte über den Sender gingen. Anschließend schrieben Zuschauer: Toll, dass mal ein Professor öffentlich zugibt, dass er irgendwas nicht weiß. Und Georg Scheller, verantwortlicher Redakteur der BR-Sendung Space Night, dachte: "Der oder keiner." Schon länger trieb Scheller die Idee um, mit möglichst geringem Aufwand eine Sendung zu produzieren, die auf komplexe astronomische Fragen wissenschaftlich akkurate, aber auch dem Laien begreifliche Antworten gibt. Die Redaktion lud Harald Lesch zu einer Probesendung ein. Danach war Scheller klar: "Lesch ist ein absolutes Showtalent. Für Formate wie Alpha Centauri braucht man eben vor allem Typen, die durch das Wort wirken, ohne digitale Bilderflut. Charismatische Fachleute, die dem Zuschauer die Angst vor komplexen Themen nehmen."

Die allgemeine Wissenschaftsscheu zu überwinden hält auch Harald Lesch für entscheidend: "Wir müssen dem Klischee entgegenwirken, Wissenschaftler seien alle vergeistigte Typen, die morgens auf den Pott gehen und sofort eine Theorie für alles haben." Ganz wichtig sei der intime Charakter seiner Sendung. "Wenn man einem Zuschauer sagen kann: ‰Lass dich nicht verrückt machen, wir kriegen das schon hin mit der Relativitätstheorie', dann bringt das eine potenziell verschreckende Materie auf die vertraute Ebene eines ganz normalen, persönlichen Gesprächs. So nach dem Motto: ‰Mensch, mir ist gestern der Reifen geplatzt' - ‰Ach ja? Und mir ist gestern ein Stern explodiert!'"

Wie gut dieses Konzept aufgeht, zeigen die zahlreichen, durchgehend positiven Zuschriften aus ganz Deutschland, denen auch häufig neue Fragen beiliegen. Die große Resonanz auf Alpha Centauri ist erstaunlich, da BR Alpha außerhalb Bayerns nur in wenige Kabelnetze der Republik eingespeist wird. Bundesweit muss sich ein großer Teil der Lesch-Gemeinde gedulden, bis die Wiederholungen in der Space Night des dritten Programms des Bayerischen Fernsehens ausgestrahlt werden. Die Anfangszeiten variieren, liegen jedoch immer zwischen ein und zwei Uhr morgens. Trotzdem schalten bis zu 60 000 Zuschauer ein, wenn Harald Lesch über Neutronensterne und Wurmlöcher plaudert. Die Nachfrage nach den Alpha Centauri-Videos beim BR ist enorm für eine Wissenschaftssendung: Mehr als 23 000 Kassetten und DVDs wurden bisher verkauft. Auch im Internet sind die Sendungen abrufbar (www.br-online.de/alpha/centauri/). Im Kollegenkreis findet Leschs TV-Engagement ebenfalls großen Anklang; seine Studenten kommen mit Fanplakaten in die Vorlesung, was Lesch freut, obwohl er Personenkult nicht zugeneigt ist. "Die Sendung ist erfolgreich, das genügt."

Doch so ganz genügt es dem BR wohl noch nicht. Denn seit diesem Monat läuft die 45-minütige Sendung Lesch & Co. Mit dem Münchner Philosophieprofessor Wilhelm Vossenkuhl führt Lesch gewissermaßen Stammtischgespräche auf höchstem Niveau. Themen des interdisziplinären Projektes sind Kleinigkeiten wie Nicht konstante Naturkonstanten und Geist und Materie. Schauplatz ist diesmal ein echtes italienisches Restaurant, kein Studionachbau. "Es wird auch richtiger Wein getrunken, kein Traubensaft", betont Lesch. "Darauf haben wir bestanden." Denn das hat Harald Lesch schon im Studium am liebsten gemacht: gastronomische Astronomie.

Harald Lesch ist Professor für Theoretische Astrophysik an der Sternwarte der Universität München. Seine Fachgebiete sind die kosmische Plasmaphysik, Auswirkungen von Magnetfeldern auf Galaxien, schwarze Löcher und Neutronensterne. Ende 1998 ging Lesch erstmals auf Sendung. Das Thema lautete: "Warum betreiben wir Astronomie?" "Weil es Spaß macht", sagen seine Fans und bescheren dem Bildungskanal des Bayerischen Rundfunks BR-alpha traumhafte Quoten.