Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.
Offenbarung des Johannes, 1, 8

Alpha

In "Kukis" Wohnzimmer, Dezember, der 20., der Himmel hing tief über Hamburg-Winterhude, ist der gepiercte Punker Tobias Görtz im Alter von 17 Jahren nach einem exzessiven Lachkrampf dem Sohn Gottes begegnet. Der Heilige Geist erreichte den jungen Mann um kurz nach vier, als sich, umflort von unsagbarer Kraft und Wärme, die Parabel seines schiefen Lebens, die Parabel eines erkalteten, kiffenden, trinkenden Teens ohne Bock, ohne Drive, ohne Sinn, nach oben bog und fortlief ins Transzendente, vier Tage vor Heiligabend 1991, als Kuki und Martin längst Kontakt zu Gott aufgenommen hatten und tanzten und beteten und irgendwie höllisch lachten, als die Nacht über Hamburg-Winterhude kam und mit ihr eine Erleuchtung.

A-Moll.

"Halleluja ... Hallel zu Gott ..." Ein sanfter Schlag über sechs melancholische Saiten, dann beginnt die blonde Frau zu singen, und die junge, weltentflohene Rothaarige vis-à-vis hält die Handflächen zur Empfängnis, D-Dur, der grüne Laser streichelt ekstatisch-versonnene Gesichter.

Shine on me / Lord Jesus / In the sunshine of our love / I spread my wings and learn to fly / learn to fly

A-moll, saubere, gefühlvolle Schläge über die Saiten der großbäuchigen E-Gitarre. "Jesus", sagt Tobias, 27, fein frisierte blonde Haare, exakte Koteletten, laut ins Mikrofon, "ich danke dir, dass du hier bist ...", a-Moll, G-Dur, "... dass du uns nahe bist, dass du jedem ganz persönlich begegnest, dass du der lebendige Gott bist ..." G-Dur, D-Dur, die Jünger, an die hundert, rote Puma-Turnschuhe, Baseballkappen, Kapuzenpullis, schwarz gerandete Hornbrillen, in mancher Hand die Bibel, in manch anderer eine Biolimonade, rufen "Halleluja" und wippen und zelebrieren den Lobpreis, und die Frau vorn auf der Bühne schlägt ihr Medium ohne Unterlass, links herabgeneigt der verträumt-versunkene Kopf, Bass und Drum untermalen die hymnische Liturgie.

Shine on me / Lord Jesus / In the sunshine of our love

Es klingt ein wenig nach den Cranberries, nach avanciertem Britpop, TripHop, der Tonlage des spätmodernen Diesseits, a-Moll, G-Dur, D-Dur.

Kein sonntäglicher Gottesdienst der Jesusfreaks im Schanzenviertel Hamburg-St. Pauli vergeht, ohne dass Leute kommen, die man nicht kennt. Schulklassen, aus Schmalkalden, aus Gotha, sonst woher, wer weiß das schon, Freunde jedenfalls, angereist aus Lübeck, Rügen, Buxtehude, "Christenmenschen", Familienangehörige, die Kirche ist immer voll. An ihrer Decke hängt eine Discoglitzerkugel. In der Apsis stehen Verstärker, Monitore und das Schlagzeug von Pearl. Einen hohen Altar gibt es nicht. Die Bühne ist der Altar. Auf dem Altar wird gerockt. Manchmal gibt es Lobpreis-Hardcore, Lobpreis-Grunge, Lobpreis-Punk. In der ersten Etage des dreistöckigen Gebäudes befindet sich die türkische Bäckerei Rodi. Dort backen Muslime das Abendmahl. Es riecht fein im ganzen Haus. Der blonde Jeansjackenpastor zerrupft den frischen Sonntagsfladen zur Eucharistie. "Der Leib Jesu", a-Moll, G-Dur, I spread my wings and learn to fly, "Christi Blut ...", sagt er den Empfangenden, die wippen und die Hände heben und die Traubenschorle nippen. Sie wischen das gelb gefärbte Unterlippenbärtchen mit dem Handrücken, Shine on me Lord Jesus, und die kleine Rothaarige, vis-à-vis, kauend, im Schneidersitz vor dem Mischpult, hält die geöffneten Handflächen an die Glitzerkugeldecke der Kirche ihrer Freaks, mit denen vor zehn Jahren in Hamburg-Winterhude begann, was sich das "fette Comeback" von Jesus nennt und sich zu einer Bewegung triebhafter Spiritualität ausgewachsen hat, zum Spross gelebter Religiosität.

Die einen sprechen vom religiösen Boom, andere von der multimedialen Inszenierung antiklerikaler Urkirchlichkeit, Dritte von jugendlichem Quatsch. Wenn es den "fetten Segen" gibt, mag das für manche blasphemischer Firlefanz sein - für über 100 Jesusfreaks-Gruppen in Deutschland, für Tausende Jünger, für die Christen der next generation aber ist es die Droge ihrer Zeit: Sie sind high, high von Jesus, dem Daddy, dem Kumpel, dem Lover.