Und wie früher ist es mittags hier, so nahe am Gendarmenmarkt, erschreckend leer. Die Berliner Gastronomie leidet nach wie vor unter dem Widerwillen der Berliner, das Mittagessen zu einer erfreulichen Unterbrechung des täglichen Einerleis zu machen. Jedenfalls öffnen die meisten Restaurants erst gegen 18 Uhr. So viel zum Thema Metropole.

Wenn es die feinen Hotels nicht gäbe, wäre man möglicherweise auf "Kartoffelsuppe Berliner Art" angewiesen. Deshalb sind Köche wie Nils Kramer als Botschafter des guten Geschmacks für unser Land so wichtig. Er kocht seit einiger Zeit gut gelaunt im Restaurant des Hotels Four Seasons für Gäste, die beim Bummel in der luxuriösen Friedrichstraße verzweifelt nach einer Spur von Eleganz Ausschau halten. Erst auf seinen Tellern ist sie zu entdecken. Denn dieser schlanke Mensch aus Schleswig-Holstein, wo er seinen Ruhm begründete, will die Haute Cuisine ja nicht revolutionieren, sondern ihr jene Zartheit zurückgeben, die ihr beim Ansturm der asiatischen Aromen gern ausgetrieben wurde.

Auch seine Menüs sind nicht unbeeinflusst von Zitronengras und Ingwer, aber selten habe ich starke Aromen so wenig vermisst wie bei ihm, und nicht oft ist mir die ungewohnte Leichtigkeit der Speisen so normal vorgekommen wie in den eleganten Menüs des Nils Kramer.

"Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und nie zu sein", stellte Karl Scheffler bereits vor fast 100 Jahren fest. Aus kulinarischer Sicht wirkt dieser Satz des klugen Analytikers wie ein Versprechen. Jener genussfeindliche Provinzialismus, der das Image der Stadt geprägt hat, ist gottlob vorbei. In Berlin kann man heute sehr gut und von Tag zu Tag besser essen.