So verrückt ist Bernd Pfarr nicht. Zwar hat schon mancher behauptet, verwirrt von den komischen, absurden, mitunter melancholischen Alltagsgeschichten des genialen Malers, Zeichners, Karikaturisten, der Mann ticke nicht ganz richtig. Tut er doch. Aber er sammelt auch. Altes Blechspielzeug. Warum? Lange könnte man jetzt philosophieren über das Kind im Manne. Oder einen kulturpessimistischen Bruder im Geiste vermuten, der, im Wohnzimmer über seine Schätze gebeugt, der guten alten Zeit ein Tränchen nachweint, jenen Epochen, als der Gameboy und das ganze andere elektronische Gefummel noch als Rohstoff in Erdölfeldern oder Sandbergen ruhte. Doch lassen wir das, wie jedes große Gefühl bleibt auch der Sammeltrieb selbst nach der Genomentzifferung ein Rätsel. Für hier und heute muss es genügen, dass Bernd Pfarr offenbar im Alter von vier Jahren einem TippCo-Bombenflugzeug und einem "Wagen des Führers" aus gleicher Produktion verfiel, dazu einem Wanderer der Firma Distler und Schuco-Examicos in allen Farben. Aber anfassen is nich, hatte der Onkel verfügt, dem die knallbunt bedruckten Raritäten gehörten. Erst Jahre später brachte Pfarr sie in seinen Besitz, 18 Bananenkisten voller Blech, Grundstock einer eigenen Sammlung, die er seither beständig aufstockt.

Ein weiterer Wesenszug des Sammlers ist seine missionarische Ader. Er begnügt sich nicht damit, im stillen Kämmerlein seine Lieblinge abzustauben, sondern sucht zwanghaft den Austausch mit Gleichgesinnten und versucht den Unverständigen von der Sinnhaftigkeit seines Tuns zu überzeugen. Bernd Pfarr hat zu diesem Zweck einen Verleger bequatscht, ein opulentes Lexikon seiner Leidenschaft zu machen. Das ist soeben erschienen: Rollendes Blech. Spielzeugautos und -motorräder von 1920 bis 1935. Das zweisprachige Buch (Deutsch und Englisch) ist viel mehr als eine private Passionsgeschichte. Anhand von 221 Beispielen aus der eigenen und aus fremden Sammlungen schreibt Pfarr ein Stück Wirtschafts-, Design- und Kulturgeschichte. Wer Bing, Bub und Oro bislang für Fruchtbarkeitsgötter von der Osterinsel hielt, lernt hier für den Auftritt in der nächsten Quizshow und fürs Leben (was die Blechfetischisten natürlich längst wissen): Bing war vor dem Ersten Weltkrieg die größte Spielzeugfabrik der Welt, die, als sie 1934 Pleite ging, von Karl Bub übernommen wurde. Die Firma Oro schließlich produzierte bis 1933 in Brandenburg kleine Lieferwagen.

Liebevoll hat der Perfektionist Bernd Pfarr Feuerwehrautos, Motorräder, Busse, Tankstellen und Rennwagen fahrende Weihnachtsmänner zu kleinen, perfekt ausgeleuchteten Szenen arrangiert, die er zudem kenntnisreich und detailversessen beschreibt. Die Texte haben den lakonischen Ton, den man aus Pfarrs Bildgeschichten über die Norberts, Gunthers, Fräulein Jakobis und Sondermänner dieser Welt kennt: "Die abgebildete Limousine in Luxusausstattung beeindruckt durch ihren fast neuwertigen Zustand. - Man fragt sich, wo der Wagen die vergangenen 90 Jahre verbracht hat." Und wer sich darüber hinaus je gefragt hat, welche Welt Herr Pfarr vor Augen hat, wenn er in seinen Gemälden kantige, leicht windschiefe Automobile auf große Fahrt schickt, findet die Antwort in dieser Schatztruhe der Zwischenkriegszeit.

Als Ratgeber für ein Last-Minute-Weihnachtsgeschenk für die lieben Kleinen taugt das Kompendium jedoch nur bedingt; die Preise der fragilen Gebilde beginnen bei 3000 Mark und sind bei 20 000 Mark noch nicht zu Ende. Wie lautet die nüchterne Bilanz eines leidenschaftlichen Sammlerlebens? "Spielzeug ist eben nichts für Kinder."