Eine so große Herausforderung, ein so tiefer Einschnitt ist immer so, dass die Antwort und das Reagieren sehr differenziert ist. In den ersten Tagen gab es ein paar Töne, die mir nicht gefallen haben.

In Washington?

Auch in Washington, aber nicht nur da. Das Wort vom Kreuzzug fand ich ganz falsch. Und ich bin froh, dass es sehr schnell wieder verschwunden ist. Später kam dann eine erkennbare Bereitschaft zu multilateralem Denken, über die bin ich sehr froh. Und ich hoffe, diese Bereitschaft bleibt. Man muss einmal die Kränkung des amerikanischen Nationalgefühls sehen, die ganz tiefgehend war und die eine amerikanische Antwort nötig machte. Und man muss andererseits den Angriff auf die Zivilisation sehen, der nicht nur ein Angriff auf die westliche Zivilisation war, sondern auf die Zivilisation überhaupt. Und auf diese Angriffe muss man multinational, multilateral, international reagieren. Das ist geschehen und nach meiner Überzeugung im Wesentlichen angemessen.

Nun hat der Westen ja auf diese militärische Herausforderung auch mit militärischen Mitteln reagiert. Heißt das, dass der Krieg doch ein Mittel der Politik ist? Heißt das, dass es so etwas wie einen gerechten Krieg am Ende gibt?

Ich glaube nicht, dass es gerechte Kriege gibt. Aber ich glaube, dass es Situationen gibt, in denen die Frage, wie ich schuldig werde und nicht die Frage ob ich schuldig werde, in den Vordergrund rückt. Denn die militärische Antwort ist immer nur die ultima ratio. Und nach meiner Überzeugung musste diese ultima ratio Platz greifen. Aber man darf nun nicht sagen, das alles ist ratio. Und ich glaube, dass das ein ganz schwieriger Prozess ist, den wir da zu bewältigen haben. Und deshalb bin ich auch froh darüber, dass es kein Säbelrasseln gegeben hat - auch da gibt es ein paar Ausnahmen. Insgesamt, mindestens in Europa, aber nicht nur in Europa, auch in den Vereinigten Staaten, gibt es eine differenzierte Diskussion über die Frage, wie man mit einer Situation umgeht, in der Gewalt privatisiert wird, in der es also nicht nur um Kämpfe zwischen Nationen oder Gebietskörperschaften geht. Darauf hat in Deutschland Erhard Eppler als Erster hingewiesen. Und ich fand seinen Beitrag unverzichtbar wichtig.

Herr Bundespräsident, Sie sagen, es gibt keinen gerechten Krieg, aber vielleicht einen gerechtfertigten Krieg, gerechtfertigten Einsatz militärischer Mittel. Haben denn diese nun dazu geführt, dass die Voraussetzungen für ein friedlicheres Zusammenleben geschaffen werden? Das haben Sie auch immer als Maßstab genannt.

Nach meinem Eindruck ist zumindest diese Hoffnung berechtigt. Es ist noch nicht diese Gewissheit entstanden. Denn es ist ja noch sehr unübersichtlich, was sich in Afghanistan innenpolitisch tut, welche Gruppen da mit wem wie zusammenarbeiten. Trotzdem glaube ich, dass mit der Friedensmission, die jetzt vorbereitet wird und hoffentlich bald Platz greift, die Chance zu einer gerechteren Entwicklung in Afghanistan stärker wird.