Generalprobe fürs jährliche Weihnachtsoratorium dieser Tage in Sankt Blasius, X-Stadt. Jeder Musiker kennt seinen Bach, die Streicher nicken grimmig, die Kirche ist eisig, zwei Stunden sollten genügen. Doch plötzlich muss an tausend Ecken gebastelt werden: Cello oder Fagott in der Oboen-Arie? Spielt die Orgel jeden Harmoniewechsel in den Rezitativen mit? Hält das Cello die Basstöne aus? Lange oder kurze Vorhalte in der Hirten-Arie? Fermaten in den Chorälen? Endlose Diskussionen, wenig Ergebnisse; die Aufführung schlingert, mit tausend Beulen im Kleingedruckten. Hätte der Dirigent nur geahnt, dass Bachs Partitur ein offenes Buch ist, dessen zweideutiges Angebot nach Entscheidungen verlangt.

Vielleicht hätte er sich bei Masaaki Suzuki informieren können. Der Japaner, der in Amsterdam studierte, führt das Weihnachtsoratorium ebenfalls gern auf. Wenn er's tut, dann hat er lange in Klausur gesessen und über jeder Stimme gebrütet wie ein Mönch. Die Welt nimmt davon fasziniert Notiz: Seit Suzuki das Werk mit dem Bach-Collegium Japan schier offenbarend herausbrachte (BIS 2 CD 941/942, Vertrieb: Klassik Center Kassel), tut sich Spezialisten ein erweiterter Horizont auf. Dessen neues Ende ist elf Flugstunden entfernt.

Bachs sechs saftigen, zum Oratorium gebündelten Kantaten bleibt Suzukis meisterliche Übersicht nichts schuldig. Jedes Problem bewältigt er, als sei keine andere Lösung möglich. Die Tempi sind zügig, doch sie klirren nicht. Linien erfüllt Suzuki mit Duft und Logik. Sein Musizieren hat die Anmut von Tänzen, hat wärmende Behaglichkeit, spirituellen Atem - und die Stichhaltigkeit eines Beweisverfahrens. Aus jedem Satz macht Suzuki sozusagen ein Haiku, kein Manifest.

Schon am Anfang misstraut Suzuki protzigem Jubel, die Pauke federt im ersten Takt von Jauchzet, frohlocket so delikat, dass sie den Schwung eines ganzen Satzes auslöst. Die Naturtrompeten prahlen nicht, sie schweben. Was die Continuo-Orgel an Details flüstert, grenzt an Zauberei.

Dazu lässt sich ohne Lallen singen: Gerd Türks grandioser Evangelist erzählt uns die vertraute Geschichte ohne Knick ins Sentimentale. Monika Frimmer hebt ihren Sopran in Himmelshöhen, ohne stechen zu müssen. Yoshikazu Mera verwandelt das Timbre seines Countertenors so raffiniert, dass man glaubt, eigentlich sei er der Engel oder wenigstens Jesu kleine Schwester. Peter Kooij mischt für die Basspartie Erz und Balsam; den Meißel lässt er im Werkzeugkasten. Über allem thront der Chor - zwanzig handverlesene Stimmen und doch ein integrales Ensemble vom federleichten Sopran bis zum schneidigen Bass.

2002 wird sich der Kollege in X-Stadt abermals Bach vornehmen und ins offene Buch starren. Mit dieser CD wüsste er, wo ihm die Sonne der Erkenntnis aufgehen kann.

Was die Vernünftigen nur selten verstehen: Wie schön es ist, sich zu verlieren, Spuren zu verfolgen, die oft nirgendwo hinführen, Namen zu notieren und nach Jahren wiederzufinden, Musik aus Nebenräumen zu hören, unbeachtet und dann - eine Offenbarung. Natürlich besitzt man schon unsinnig viele Platten und CDs, warum also suchen, auf seltsamen Wegen? Als das Schweizer Label HatHut vor ein paar Jahren dazu überging, ihre CDs nicht mehr in Plastikhüllen zu verpacken - gab es denn je einen einsehbaren Grund für dieses ästhetische Verbrechen? -, und sie in gefühlsechter Pappe greifbar erschienen, war eine Spur gelegt. Die Verpackung ist der Inhalt. Zufall also, Marc Copland zu finden? Eher logische Folge. Umso schöner, als kaum ein anderer Weg zu Copland geführt hätte, einem Altsaxofonisten aus Philadelphia, der nach New York kam und in den siebziger Jahren - so der Plattentext - das Saxofon beiseite legte, um Pianist zu werden. Selbst gelernt. Er spielte in Big Bands, arbeitete mit dem Gitarristen John Abercrombie, dem Bassisten Gary Peacock, lebte in einer Parallelwelt, die oft weniger beachtet wird als die Alternativszene, spielt nun im Trio mit Drew Gress, Bass, und Jochen Rueckert, Schlagzeug, als solle man ihn die Entdeckung des Jahres nennen.