Beck trägt einen Koffer mit Arbeitsunterlagen, aber in seinem Pass klebt ein Touristenvisum. Sie haben es in letzter Sekunde ausgestellt. Ein Geschäftsvisum hätte zu lange gedauert. 40 Tage. Der Mann, der am nächsten Tag in der Duma sprechen soll, könnte Probleme kriegen.

Es ist das erste Mal, dass das russische Parlament einen ausländischen Wissenschaftler zum Vortrag eingeladen hat. Das ist eine Ehre. Auch für einen, der zwei Professuren hat, in München und London. Und der unter die großen Soziologen eingereiht wird, mit 57, neben solche wie Marx, Weber oder Durkheim. Ursprünglich sollte Beck über Wirtschaft und Staat im Zeitalter der Globalisierung reden. Dann wurde das Programm aktualisiert. Nun heißt der Titel: Politische Dynamik der Weltrisikogesellschaft. Terroristische Bedrohung.

Der Mann steht immer noch am Schalter, im Neonlicht. Da fällt Beck diese Geschichte vom vergangenen Sommer ein. Sie hat ihn damals schon geschockt, aber nach dem 11. September wiegt sie natürlich noch schwerer.

Beck eröffnete in Helsinki eine Konferenz über "Kosmopolitismus". Welbürgertum. Das ist sein Hauptthema derzeit und eigentlich etwas Schönes, Idealistisches. Doch viele der Weltbürger, die sich in Helsinki trafen, wollten davon nichts hören. Es waren Wissenschaftler aus Peru, Ägypten, der so genannten Dritten Welt. Für sie war die Globalisierung, von deren Chancen Beck redete, nichts als Kolonialismus, Imperialismus und Amerikanisierung. Sie riefen dazwischen. Sie schrien ihn an. "Da habe ich gemerkt, welch ein Hass sich angestaut hat", sagt er. "Damals dachte ich, diese Akademiker könnten Bomben werfen."

Irgendwann erzählten diese Wissenschaftler alle von einem Erlebnis. Wie sie, bei der Einreise nach Europa oder in die USA, schikaniert wurden. Wie man sie, die Dunkelhäutigen, herausgewunken hat aus der Schlange, sie herumkommandiert hat, beäugt und gefilzt.

Die Schlange gerät in Bewegung. Ulrich Beck darf passieren. Er geht unter Claudia Schiffer hindurch, auf die Frau zu, die seinen Namen auf ein Schild gemalt hat. Sie arbeitet beim Moskauer Goethe-Institut, das die Reise organisiert hat. Ursprünglich hatte Beck zur Moskauer Buchmesse kommen sollen, die diese Woche stattfindet. Was ist Globalisierung? ist auf Russisch erschienen, schon das zweite Buch nach Risikogesellschaft.

Dann kam die Einladung in die Duma und dann der 11. September.