Weihnachten ist der Mode unterworfen wie jeder andere Konsumanlass auch. Wir wollen damit nicht sagen, dass Weihnachten oder zumindest seine Idee sich im Konsumieren erschöpft, aber der heilige, sozusagen unkonsumierbare Rest kann auf den ersten Blick jedenfalls nicht in dem bestehen, was die Weihnachtsmannpuppen zur Anschauung bringen, die heuer überall an den Fassaden zu hängen haben. Sie sollen aussehen, als seien sie beim Klettern erwischt worden

aber beim Klettern wohin? Solange sie an Privathäusern hängen, könnte man den besinnlichen Gedanken fassen, sie wollten den Kamin erreichen, durch den sie ihre Gaben herunterwerfen wollen

da sie sich aber bevorzugt an Kaufhäusern aufhalten, kann nur das Gegenteil zutreffen, das heißt, sie wollen offenbar einbrechen und etwas wegnehmen. Der Weihnachtsmann als Dieb ist eine schöne konsumkritische Pointe, die daran erinnert, dass echte Gaben nicht mit Geld bezahlt, vulgo: nur gestohlen werden können.

Wie verhält es sich aber mit der kulturkritischen Lesbarkeit der Rentiere aus Rattangeflecht, die neuerdings in den Vorgärten der Einfamilienhäuser stehen?

Ihre Besitzer erzählen auf Nachfrage nichts über Schönheit und Sinn, aber viel von der Wettertauglichkeit des Materials und erinnern insofern an jene modischen Zeitgenossen, die vor Jahrzehnten ihre Alcantara-Jacken ebenfalls nicht ästhetisch begründen wollten. Sie sagten vielmehr, kaum dass man ihrer ansichtig wurde: Das ist Alcantara! Das ist teurer als Leder! Offenbar lag der Luxus von Alcantara im Preis, wie der Luxus der Rentiere in ihrer Wettertauglichkeit und der Luxus der Weihnachtsmänner in ihrem laxen Eigentumsbegriff liegt. Luxus, schließen wir daraus, hat etwas mit Dingen zu tun, die in ihrer Funktion nicht aufgehen und, insofern dem christlichen Weihnachtsgedanken vielleicht doch verwandt, einen unauflöslichen, rätselhaften Kern enthalten.

Das wäre anders, wenn die kletternden Weihnachtsmänner lebendig und also eines wirklichen Diebstahls fähig wären: Da wüsste man, dass es sich lohnte, einen für Heiligabend zu engagieren, damit er beispielsweise eine Alcantara-Jacke stiehlt. Solche Jacken, die heute nicht mehr häufig sind, würden allerdings als Geschenk einen dermaßen verschrobenen Eindruck machen, dass mit ihnen wiederum Weihnachten zu jenem Rätsel würde, aus dem, rundheraus und abschließend gesagt, alles Konsumieren keinen Ausweg bietet.