Weihnachtszeit, Erstgeborenenzeit, Zeit des epochalen Einzelkindes: zu Bethlehem geboren, in Windeln gewickelt, der Friedefürst. Ohne Anspruch auf Kindergeld oder Sozialhilfe zwar. Auch ohne Geschwister, im engeren Sinn des Worts. Doch was für ein Kind! Vom Himmel geschneit. Fern jener demografisch besorgten Zeiten geboren, in denen Geburten mit dem Blick auf Rentenversorgung und Expertenschwund statistisch als nützlich, ja notwendig angesehen werden. In denen auf der Nordhalbkugel jede der Kindlein wehren kann. Jesus von Nazareth: Einzelkind, immerhin. Unterhalb des heutigen statistischen Mittelwerts. 1,4 Geburten pro Gebärfähiger, das reicht aber nicht, volkswirtschaftlich gesehen, langfristig verstanden.

Langfristig verstanden: In einem inzwischen alten Taschenbuch schrieb einmal eine jüdische Philosophin, die jeder bevölkerungspolitischen Neigung ebenso unverdächtig ist wie der christlichen Messiasgewissheit, über dieses Einzelkind Jesus von Nazareth: "Daß man in der Welt Vertrauen haben und daß man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien die ,frohe Botschaft' verkünden: ,Uns ist ein Kin d geboren'". Über die Gründe, selbst keine Kinder zu haben, brauchte die Emigrantin Hannah Arendt keine Belehrung: "Als wir jung waren, hatten wir kein Geld, und als wir Geld hatten, waren wir zu alt." Ihr Mann ergänzte, die Zeiten seien schwierig gewesen.

Doch von der Natalität handelt dafür die Vita activa, kein Beziehungsratgeber, sondern Arendts politisch-philosophisches Hauptwerk: von der Gebürtlichkeit, der Tatsache also, dass durch Geburt Anfänge verbürgt sind. "Das ,Wunder' besteht darin, daß überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins." Was für ein altes Buch: das im Handeln den Ausdruck dafür sieht, dass ein Mensch "mit der Mitgift der Freiheit auf die Welt kommt".

Geschrieben, bevor man sich den Kopf darüber zerbrechen musste, wie ein Gemeinwesen zu zimmern wäre, in dem Kinder zur Welt kämen.

Einzelkinder werden ja bisweilen geboren, ein zweites kommt manchmal hinzu, 1,4 eben im Durchschnitt, das geht vielleicht gerade mal so, wenn man alles gut durchplant, wenn man hier und da Freiheiten kappt. Aber ließe sich die Mitgift der Freiheit nicht daran erkennen, dass eine Gesellschaft sich vom Unnötigen überraschen ließe? Manchmal, ganz selten, trifft man noch die menschliche Verkörperung des Unnötigen an: das Kind, das die familiäre Mehrheit der Kleinen über die Großen bedeutet, das für Asymmetrie sorgt - das dritte Kind, das heute kaum noch einer bekommt. Tres faciunt collegium, aller guten Dinge sind drei, der dritte Weg: Die Redensart weiß noch, wo der qualitative Sprung hinaus aus der Notwendigkeit steckt: im Dritten. Doch von so viel Anfang handeln eben, außer ein paar Lebensgeschichten, nur alte Bücher.