Der Trotz auf Erden

Dürfte nur ein Heymsches Buch bleiben, so sei es Nachruf, die Autobiografie. Sollten zehn Seiten Zeugnis reden über den Menschen S. H., dann der Anfang des Kapitels 19. Der Krieg ist aus, US-Soldat Heym kehrt heim - der Krieger zur Schriftstellerei, Odysseus zu Penelope. Er war, das bringt der Krieg, auf vielen Inseln und nicht treu. Darum geht die Frau. Er lässt sie ziehen und wirft sich ins Schreiben. Das Werk stockt, er sucht die Frau und findet sie in Mexiko. Behutsame Näherung. Sie ist verletzt und stark, er noch immer nicht völlig entschieden. Sie badet im Meer, weit schwimmt sie hinaus. Plötzlich Geschrei am Ufer und in den Booten. Ein schwarzes Dreieck umkreist die Schwimmerin. Ein Hai.

"Er sucht ihr zu Hilfe zu kommen. Aber er ist ein schlechter Schwimmer

lange bevor er sie erreichen kann, wird sie von einem der Boote an Bord genommen.

An Land dann, da er sie in die Arme schließt, weiß er: dies, jawohl, ist es, und zwar auf Dauer

die Zeit ist vorbei, da er diese Ehe als eine Art Opfergabe betrachten durfte, dargebracht von dem Soldaten den Göttern im Tausch für das eigene Leben

es ist das Leben."

Diese Zeilen sind ein Nukleus des Heymschen Riesenwerks. Sie enthalten all das Seine: Story und Metaphysik, Memento Mori und männliches Melodram, Selbstbezug und schwingende Gebärde. Eines fehlt, endlich einmal: Distanz.

Der Trotz auf Erden

Viel Flucht und Fremde hat Heym beschrieben, keine Heimat, wenig Parteigängerei. Zeit seines Lebens, sagte Erich Loest, war Stefan Heym zu Besuch

das ersparte ihm Verzweiflung.

Was für ein Leben: 1913 als Helmut Flieg in Chemnitz geboren, Sohn eines jüdischen Kaufmanns. Mit 18 Verweis vom Gymnasium wegen eines antimilitaristischen Gedichts. Abitur in Berlin, dort Autor für linke Blätter. Hitler kommt, der Reichstag brennt, Flieg flieht nach Prag und wird Stefan Heym. 1935 Stipendiat in Chicago, dann, bis 1939, Chefredakteur der kommunistischen Zeitung Deutsches Volksecho. 1942 erscheint Heyms erster Roman. Hostages (auf Deutsch 1958: Der Fall Glasenapp) wird ein Triumph. Die New York Times erhebt Heym unter die deutschen Exil-Autoritäten, worauf Thomas Mann am 20. Oktober seinem Tagebuch Eifersucht beichtet: "Las in Heyms Hostages. Unzuträglich. Gefühl von Illegitimität und unlauterem Wettbewerb."

Und dann ist Heym Soldat. Er produziert Flugblätter, Feldzeitungen, Rundfunksendungen für Wehrmachtsoldaten, sie zum Überlaufen zu bewegen. Dann Besatzungsoffizier in Deutschland. Der Kalte Krieg beginnt. Heym verweigert antisowjetische Texte. McCarthys Inquisitoren stellen ihm nach. Die Heyms fliehen nach Prag, aber dort bahnt sich Stalins Schauprozess an. Ab 1952 wohnen sie in Ost-Berlin.

Wer Stefan Heym in der DDR gewesen ist? Ein Trotzkopf und Elitär. Ein linker Utopist, der seine Kunst an keine Ideologie verriet. Ein Verweigerer sozialistischer Flaggengrüße, der zur Wut der Kommandeure gleich neben dem Appellplatz sein eigenes Fähnlein hisste. Was verschlug da seine Eitelkeit?

Man bewunderte diesen unbeugsamen Protestanten gegen Biermanns Rauswurf. Und als 1979 Hermann Kants DDR-Schriftstellerverband neun unbotmäßigen Autoren die Mitgliedschaft entzog, da sprach Heym im sächsisch behauchten Prophetensound: "Es gibt Momente in der Geschichte, wo auch etwas an sich Geringfügiges wichtig sein kann. Und es wäre ja möglich, daß eines Tages Ihre Söhne und Töchter sich bei Ihnen erkundigen werden, und (...) auch die Bürger der Republik: Wie habt ihr euch damals verhalten, Meister des Wortes, als es darauf ankam, sich zählen zu lassen?"

Die Bücher: Sie wurden verschlungen - Lassalle, Kreuzfahrer von heute, Die Papiere des Andreas Lenz ... Mochte die Kritik ihn der Kolportage zeihen - das Publikum liebte den storyteller Heym. Sein Top-Hit bleibt Der König David Bericht, eine hoch artifizielle Satire auf die Mutter aller Geschichtsschreibung: die Staatsräson. Collin und Schwarzenberg kamen in der DDR nie heraus, und erst sehr spät edierten die SED-Kulturerlauber jenes Menetekel, das Heym für sein wichtigstes Werk hielt: Ahasver, eine kühn verspiegelte Adaption der Legende vom Ewigen Juden. Vor dessen Schwelle brach Jesus auf seinem Kreuzweg zusammen. Ahasver half ihm nicht auf und muss zur Strafe bis zu Jesu Wiederkehr unstet die Welt durchwandern. So die Legende, die Heym umschuf zum Emanzipationsmythos: Ahasver empört sich gegen Gottes Konformisten Jesus, der, statt zum Schwert der Revolution zu greifen, das Kreuz des alten Adam akzeptiert. "Glaubst du denn, den da oben kümmert's, wenn sie dir Nägel treiben durch deine Hände und Füße und dich stückweise absterben lassen am Kreuz?" Atemlos las man diese Empörung der Utopie wider den Augenschein. Es war Sommer 1989.

Der Trotz auf Erden

Es war Advent 1999, da besuchte ich Stefan Heym in seinem Haus in Berlin-Grünau. Frau Marx, die Haushälterin, versorgte die mitgebrachte Orchidee, dann blieben wir allein. Heym war in jenem Jahr sehr krank gewesen

nach einer Operation lag er wochenlang im Koma. Nun ging es ihm wunderbarerweise wieder gut. Wir sprachen viele Stunden über sein Lebensthema: die Besserung der unverbesserlichen Welt. Eine Geschichte der Revolutionen habe er geschrieben, fand Heym, und gestattete sich keinen Hauch von Resignation.

Und der November 1989? Sieg und Verlust der Revolution binnen fünf Tagen?

Wissen Sie, sagte Heym, als ich da oben auf dem Laster stand, vor diesen Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz, da fühlte ich etwas Unvergessenes in meinem Herzen. Endlich war ich mit dem Volke eins. Es war wie 1943, als ich Soldat wurde und dieses Springfield-Gewehr bekam. Ich spürte: Ich kann mich wehren. Endlich war ich nicht nur Ziel, sonden auch - das Gegenteil. Und dann kam der 9. November, und gesiegt hatte der Doktor Kohl, der sofort sah, was sich aus dem Volksrausch machen ließ.

Musste man nicht akzeptieren, dass ein demokratischer Sozialismus keine Mehrheit fand?

Dann muss man nachgeben, bitte, schön, und sagen: Ihr seid das Volk.

Furchtbar lange hätten wir geredet, fand der alte Herr. - Ich bat, ob ich ihn fotografieren dürfe. - Oh, da müsse er sich ja kämmen, sonst schelte seine Frau. - Nein, alles sei gut so. Tage später schaute aus den Bildern ein müdes, gleichwohl erschrockenes Gesicht, mit Bitternis und einer Furcht, die Heym, der Redner, nie erkennen ließ. Es sagte: Ich bin der Erde nah.

Der Trotz auf Erden

Aber er lebte, reiste, schrieb und las, noch siebenhundertvierunddreißig Tage lang. Dass es ihn immer weiter gab, war eine Freude. Am Sonntag endete Stefan Heyms Erdenzeit, auf Reisen, in Israel. Ein gesegnetes Leben.