Es war Advent 1999, da besuchte ich Stefan Heym in seinem Haus in Berlin-Grünau. Frau Marx, die Haushälterin, versorgte die mitgebrachte Orchidee, dann blieben wir allein. Heym war in jenem Jahr sehr krank gewesen

nach einer Operation lag er wochenlang im Koma. Nun ging es ihm wunderbarerweise wieder gut. Wir sprachen viele Stunden über sein Lebensthema: die Besserung der unverbesserlichen Welt. Eine Geschichte der Revolutionen habe er geschrieben, fand Heym, und gestattete sich keinen Hauch von Resignation.

Und der November 1989? Sieg und Verlust der Revolution binnen fünf Tagen?

Wissen Sie, sagte Heym, als ich da oben auf dem Laster stand, vor diesen Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz, da fühlte ich etwas Unvergessenes in meinem Herzen. Endlich war ich mit dem Volke eins. Es war wie 1943, als ich Soldat wurde und dieses Springfield-Gewehr bekam. Ich spürte: Ich kann mich wehren. Endlich war ich nicht nur Ziel, sonden auch - das Gegenteil. Und dann kam der 9. November, und gesiegt hatte der Doktor Kohl, der sofort sah, was sich aus dem Volksrausch machen ließ.

Musste man nicht akzeptieren, dass ein demokratischer Sozialismus keine Mehrheit fand?

Dann muss man nachgeben, bitte, schön, und sagen: Ihr seid das Volk.

Furchtbar lange hätten wir geredet, fand der alte Herr. - Ich bat, ob ich ihn fotografieren dürfe. - Oh, da müsse er sich ja kämmen, sonst schelte seine Frau. - Nein, alles sei gut so. Tage später schaute aus den Bildern ein müdes, gleichwohl erschrockenes Gesicht, mit Bitternis und einer Furcht, die Heym, der Redner, nie erkennen ließ. Es sagte: Ich bin der Erde nah.