"Sein bester Freund ist jetzt ein Teddy", schrieben die bunten Illustrierten, als sie den Schauspieler Harald Juhnke in seinem Pflegeheim vor die Flinte bekamen. Die Berichte klangen wie Totsagungen zu Lebzeiten, wie eine hämische Einfühlung in seine Demenz. "Er glaubt, er stehe auf der Bühne. Er murmelt Verse von Molière." Er ist kein Künstler mehr, sondern nur noch ein Mensch, der in der Nacht seines Geistes die Wörter durcheinander wirbelt.

Juhnke, so lautet ein schöner Gemeinplatz, sei die Verkörperung des modernen Subjekts. Wie es zwischen den Polen von Glück und Elend um sein Gleichgewicht ringt, auf schwankendem Grund, ohne Gewissheit, ohne Wahrheit, von Flasche zu Flasche. Doch die Tragik, dass mit dem Gleichgewicht der nächste Absturz sich schon ankündigt, hat der Schauspieler in Komik verwandelt. Er zeigte den Sieg als Niederlage, damit die Niederlage wie ein Sieg aussieht. Er ist, und das hat sogar Bild erkannt, wirklich "einer von uns", unser multipler Charakter und unsere Angst.

"Die Kunst, ein Mensch zu sein", hat Juhnke geschrieben, doch jetzt verweigert er seinem Publikum die komische Erlösung. Er sagt denselben Unsinn wie wir. Vielleicht spielt er es auch nur. Für die Boulevardmedien ist er aus der Gemeinschaft der Lebenden ausgetreten, ohne im Reich der Toten angekommen zu sein. "Er lebt in seiner eigenen Welt", sagt der Manager. "Nach außen gibt er die intakte Fassade, innen ist er ein Niemandsland", sagt der Arzt. Über die Schulter winkt Juhnke der Kamera zu, als brauche er uns nicht mehr. Das ist Verrat. Darum klingen die Nachrufe wie Anklagen. Schuldig ist, wer abtritt, ohne zu gehen.

Das Motiv des lebenden Toten ist das heimliche Phantasma der Medien. Darin kehren Untote zurück und verfolgen die Lebenden mit einer tiefen Traurigkeit und unabgegoltener Schuld. Wenn nun die Medien mit kaum verhüllter Grausamkeit zwischen Person und Künstler trennen und Juhnke einen Teddy als Übergangsobjekt in die Hand drücken, als solle er endlich die Hadesfahrt antreten, dann sprechen sie auch eine Wahrheit aus: die Wahrheit, dass die Grenze zwischen Leben und Sterben, zwischen hinfälligem Körper und symbolischem Dasein fließend wird.

Hinter dieser Unsicherheit lauert die Frage nach der Nützlichkeit der Alten.

In dem eiskalten Beileidsfilmchen, den das geistige Schunkelmilieu des ZDF zusammengestottert hat, war die Frage nach der weiteren Verwendung mit Händen zu greifen. Die Alten sind Wesen von einem anderen Stern, und dann fehlt nicht mehr viel, ihnen - wie in den Niederlanden - atmosphärisch nahe zu bringen, es sei ein Zeichen größter Freiheit, in niemandes Schuld mehr zu stehen. "Es ist vollbracht", lautet die Formel, mit der die dortige Gesundheitsministerin das Sterbehilfegesetz kommentierte. Die Anspielung auf das Selbstopfer Jesu war kein Zufall. Nicht die Jungen schulden den Alten etwas, sondern jene Alten, die nicht mehr die Künstler ihres Lebens sind. Sie schulden es uns, von ihnen verschont zu werden, bis zum letzten Atemzug.