Kabul

Die Taliban sind aus Kabul verschwunden, die Burka aber ist geblieben. Die Barbiergeschäfte sind immer noch voller Männer, die sich ihre Bärte abrasieren lassen. Frauenfriseure arbeiten jedoch nach wie vor im Verborgenen. Wie zu den Zeiten, als die Männer vom "Ministerium zur Förderung der Tugend und Verhinderung der Sünde" peitschenschwingend durch die Straßen Kabuls gingen. Junge Männer schauen mit heißer Neugierde auf die Marktstände, die jetzt Bilder mit formvollendenten, aufreizenden Körpern indischer Schauspielerinnen feilbieten. Die gleichen Fotos sind vergrößert an den Windschutzscheiben der Autos, Busse und Lastwagen zu sehen. Sie sind meist neben das Bild des Warlords Schah Ahmed Massud geheftet, der am 9. September einem Selbstmordkommando der Al-Qaida zum Opfer gefallen war.

Die jungen Männer blicken neugierig, nicht aggressiv auf uns Frauen aus dem Westen, die sich nun den Luxus erlauben können, ohne Schleier und Kopfbedeckung herumzugehen. Eine verständliche Neugier, da vor allem die kleineren unter den Jungen keinerlei Erinnerung an ein Frauengesicht haben - es sei denn eines aus der eigenen Familie.

Fotogeschäfte schießen wie Pilze aus dem Boden. Sie können nun den jahrelang unterdrückten Wunsch erfüllen, ein Bild von sich selbst machen zu lassen. Nur wenige Läden haben die Jahre des Taliban-Regimes überlebt. Ganz ließ sich die Nachfrage nicht unterdrücken. Selbst die Taliban mussten Beziehungen zum Ausland unterhalten, brauchten Passbilder. Doch war es in jedem Fall verboten, den Körper abzulichten, das Foto musste sich auf den Kopf beschränken. Aber wie das in allen repressiven Regimen der Fall ist, gab es eine Reihe von Verstößen gegen dieses Gesetz. Ein Fotograf erzählt, dass es vor allem Taliban selbst waren, die zu ihm gekommen seien, um Filme entwickeln zu lassen.

Geschäfte, die Fernseher, Videogeräte, Satellitenantennen, Musik- und Videokassetten verkaufen, werden von den Kunden nahezu gestürmt. Die Lagerbestände aus den Verstecken der Taliban sind in kürzester Zeit zusammengeschrumpft. Die Fernseher werden nicht vorrangig für den neu eröffneten afghanischen TV-Sender benutzt, der immerhin vier Stunden am Tag Programme ausstrahlt. Vielmehr schauen sich insbesondere die jungen Männer Filme an, die von jener Außenwelt stammen, die ihnen so lange verboten war.

Es sind zumeist indische und amerikanische Produktionen. Gewalt und Action haben Vorrang. Man muss ihre Sprache nicht kennen, um diese Filme verstehen zu können.

Leisten können sich den Luxus vor allem Männer, die den Dollarregen auffangen, der jetzt von westlichen Helfern und Hunderten von Journalisten auf Kabul niederprasselt. Die Frauen dieser nach Geschlechtern getrennten Gesellschaft gehen bei dem Geschäft leer aus. Manche, die in von Journalisten gemieteten Häusern Arbeit gefunden hatten, sind von den neuen Herren, den Mudschahidin der Nordallianz, brutal verprügelt worden. So bleibt vielen, besonders den Witwen, von denen es in Kabul an die 50 000 geben soll, auch weiter nichts anderes übrig, als zu betteln. Sie versuchen es am Sitz der Vereinten Nationen und bei den verschiedenen Hilfsorganisationen.