Die Gans ist nicht zum Braten da. Hat Wolfram Siebeck vor zwei Wochen in der ZEIT klargestellt. Causa finita.

In alten Zeiten indes, da schmeckte es manch einem schon, so ein Gänschen mit Rotkraut und Äpfeln. Damals, vor der neuen Warmzeit, als es Weihnachten oft noch richtig knackig kalt war draußen, da knackte man drinnen gern eine heiße Kruste zum Feste. Auch Luitpold Löwenhaupt, Opernsänger, hat sich so etwas vorgestellt, als er, die Stille und Heilige Nacht fest im Blick, fünf Kilo Gans einkauft und erst mal in einer Kiste im Keller einquartiert. Denn die fünf Kilo sind noch sehr lebendig und sollen bis zum Schlachttag wohlverwahrt sein.

Doch schon bemächtigen sich Löwenhaupts Kinder des Tiers. Peter, dem Jüngsten, schnattert sie gar so ans Herz, dass er sie heimlich mit in sein Bettchen nimmt, wo sie dann selig ruhen, Seit' an Seit', Auguste und er.

Wie kann man da noch zum Messer greifen! Luitpold Löwenhaupt jedenfalls, dem großen Sänger, misslingt seine Dolch-Arie gründlich. Bleibt nur die List, bleibt nur das Gift. Heimlich mischt er Veronal ins Vogelfutter, und am nächsten Nachmittag, nach dem Mittagsmahle, kippt Auguste leblos um. Tja, bedeutet Vater Löwenhaupt heuchlerisch den Seinen, da kann man gar nichts machen, wahrscheinlich hält sie Winterschlaf. Und zur Seite spricht er hastig: Jetzt rasch gerupft und in den Herd! Doch kaum der Federn ledig, kehren des Vogels Lebensgeister wieder, wütend und bloß zetert er los - ein nacktes Gansgespenst. Jubel der Kinder Vater Löwenhaupt kapituliert.

Es ist eine drollige Weihnachtsgeschichte, die Friedrich Wolf da erzählt, der Arzt und Dichter, der expressionistische Kommunist aus Leidenschaft, Vater des Filmemachers Konrad und des SED-Generals Markus Wolf, geboren 1888 in Neuwied, gestorben 1953 bei Berlin, Hauptstadt der DDR. Wann er die Moritat von Augustes Tod und wundersamer Wiederauferstehung geschrieben und zum ersten Mal veröffentlicht hat, verrät uns der Verlag schlampigerweise nicht.

Davon abgesehen jedoch: ein (im Gegensatz zum fett-faserigen Gänsebraten) grundköstliches Buch über fünf Kilo Fleisch, die durch die Liebe der Kinder in ein Individuum verwandelt werden. Ein Nutztier, ein Schlachtvieh, das zu einer Persönlichkeit wird, zu Auguste. Ganz wie im Märchen, wo der Frosch, geküsst, plötzlich als Prinz dasteht ...

Der Grafiker Willi Glasauer, Jahrgang 1938, in den Pyrenäen und in Berlin zu Hause, als Illustrator in Frankreich so bekannt wie hierzulande, gab seine verhaltenen, undramatischen und doch poetisch erzählenden Bilder dazu und hat aus Wolfs literarischem Kunststück ein kleines Buchkunstwerk gemacht. Wohl bekomm's!