Ich stand ratlos in der Tür. Frankfurt in seiner schmutzigsten Zeit. Wie sollte ich nur durch diese voll gestopfte Stadt kommen, in der einem die Lkw-Reifen den Split aus dem Schnee wie Schrotkugeln entgegenschossen und in der anämisch herumtorkelnde Menschen, mit falschen Goldpaketen behängt, einander in die Füße traten?

Nun, ich hatte einen Karton vor der Nase. Er riss mir die Arme aus den Achseln und versperrte meine Sicht nach allen Seiten, es war ein Ikea-Karton von meinem neuen Kleiderschrank. Ich schleppe nicht jeden Tag mannshohe Pappe durch die Straßen. Aber diesmal brauchte ich Engelsflügel für den letzten Schultag, weil ich mich bereiterklärt hatte, ein Weihnachtsmärchen zu schreiben und es auch mit den Kindern aufzuführen. Ein Frankfurter Märchen - also: christlichislamisch-jüdisch-orthodox.

Heute denke ich, der Transport war möglicherweise nicht genügend durchdacht.

Die Schule lag am anderen Ende der Stadt, und ich musste mit der U-Bahn fahren wie auf einem Schnittmusterbogen. Dreimal umsteigen. Gott, ich war alleinerziehend, schreibend, also prinzipiell abgebrannt und verdiente ein wenig dazu mit dieser Theater-AG. Sonst hätte ich ja das Auto genommen. Aber ich hatte keines und tröstete mich, dass es mir gar nichts genützt hätte, weil der Karton höchstens in einen Kleinlaster hineingegangen wäre.

Schon der Weg bis zur Station Höhenstraße war ein heilloses Unterfangen, bei dem mir dauernd die Kartonecken auf den Bordstein stießen. Ich versuchte, mit dem Fußspann hebend nachzuhelfen, sah keine parkenden Fahrzeuge, geschweige denn entgegenkommende Großmütter oder vergessene Einkaufswagen - und die erste Rolltreppe war ein Desaster. Ich kam einfach nicht in diese Schräglage.

Ich schwitzte und stemmte, fiel erst beinahe selbst hinunter und hätte am Ende fast eine Nonne in die Tiefe gestürzt - da ließ ich ab und benutzte die Steintreppe, halb blind und vage tastend.

Wenigstens kam ich noch unbehelligt in die U-Bahn hinein. Dort, wo sonst die Fahrräder stehen, im Eingangsbereich. Ich teilte somit die einsteigenden Mitmenschen in zwei Hälften und lenkte sie wie einen Strom nach links und rechts. Nun, es war nicht besonders gemütlich. Denn obwohl ich so tat, als hätte ich mit der ganzen Pappe nichts zu tun, und ein undurchdringliches Gesicht machte, was mir bedeutend schwer fällt, bin ich doch ein sensitiver Mensch und bilde mir ein, Gedanken hören zu können. Ich hörte überdeutlich ein Stimmengewirr verärgerter U-Bahn-Benutzer mit abscheulichen Bemerkungen über den Sinn und Zweck meines Karton-Transportes in dieser Form. Ich schwitzte und dachte immerzu tapfer: Engelsflügel. Engelsflügel. Nicht aufgeben. Engelsflügel. Etwas muss einem noch heilig sein. Etwas muss es noch geben, für das zu kämpfen sich lohnt. Ja, es war sogar so, dass - je mehr sie mich mit bohrenden Blicken durchdrangen - ich plötzlich mit bösartiger Besessenheit meine Kiste vor den sich hereinquetschenden Menschen verteidigte, um sie von Station zu Station vor dem weiter hereinbrechenden Weihnachtsmob zu schützen, ja ich lieferte mir inzwischen telepathisch die heftigsten Wortgefechte mit dem umstehenden Volk, das ab der Konstablerwache mit ganzen Fernsehern, Stereoanlagen und Zierspiegeln antrampelte. Ich hörte sie nonverbal meinen Geisteszustand hemmungslos beleidigen, den Müll durch die Stadt zu kutschieren, und dann zischte die Wut über meinen Platzverbrauch im Zusammenhang mit dem völlig nutzlosen Gegenstand nur so heraus. Es nahm Laut an. Wie kann man nur! Zumutung! Bis zu einem ganz deutlichen: Hat 'se doch nicht mehr alle. Augenverdrehen. Mir doch egal. Bockbeinig zischte ich in Gedanken zurück: Unwissender Pöbel. Konsumtrottel. Bänkersklaven. Rüdes, umherfahrendes Volk! Ich tue das für höhere Zwecke! Aber: Ich war in Bedrängnis.