In einer Zeit, die sich ebenso aufgeklärt wie postreligiös gibt, ist die Wiederkehr religiöser Bilder und Figuren in der Werbung, Kunst und Mode ein Rätsel. Jean-Paul Gaultier bedruckt seine Badeanzüge mit dem Turiner Grabtuch. Otto Kern stellt Leonardos Abendmahl in Werbefotos nach. Besonders beliebt sind die Ikonen der populären Devotion des 19. Jahrhunderts: Notre-Dame de Lourdes, das Herz Jesu, das Porträt der kleinen Thérèse de Lisieux und nicht zuletzt das Kreuz selbst in allen möglichen devoten Verarbeitungsweisen. Die Dolce-&-Gabbana-Kollektion 1999 stand ganz im Zeichen des Herzens Jesu. Gaultier inszenierte zur selben Zeit südamerikanische Märtyrerverehrung im Stil Frieda Kahlos beherrschend neben dem Kreuz auch hier das Herz Jesu. Der erfolgreichste Popstar der neunziger Jahre namens Madonna bringt ein Label Immaculate Collection heraus und lässt nun seit Jahren schon in seinen Videoclips Statuen heiße Tränen weinen. Das offizielle Porträt der Thérèse de Lisieux kommt dazu, Viva-Maria-Unterwäsche zu bebildern. Ein Modelabel, das in diesem Jahr in New York für Aufsehen sorgt, heißt Imitation of Christ. Die Show fand in einem Beerdigungsinstitut statt.

Das Göttliche im Menschen Auf derart ostentative Gesten stellen sich zwei Reaktionen ein. Die eine, wertgleichgültig, ästhetisch, verbucht den Befund als Trash. Das Wiederauftauchen religiöser Motive im Stil des 19. Jahrhunderts in Mode und Pop wird als beliebiges, inhaltsunabhängiges Überfluss- oder Vermüllungssymptom gesehen und damit in seinem Provokationswert unterschätzt.

Die andere, inhaltlich bestimmte, aber dogmatisch geeichte Reaktion, die dieselben Phänomene als Blasphemie anklagt oder in ihnen gar fundamentalistische Tendenzen beklagt, wittert die Verzerrung ehrwürdiger oder die Rückkehr überholter Glaubensinhalte. Doch sowohl die Bagatellisierung als auch die Fundamentalisierung des wertkonservativen Arguments gehen am Kern der Sache vorbei. Die Wiederkehr religiöser Bildlichkeit ist so ubiquitär wie beunruhigend, weil sich darin ein neues Verständnis von Kunst und von Religion andeutet. Es geht dabei - immer noch - um das Aufscheinen des Göttlichen im Menschlichen.

Das Verlangen und die Verlegenheit, das Göttliche im Menschlichen zur Erscheinung zu bringen, sind mit dem 19. Jahrhundert prekärer geworden. Das Viereck von Religion, Kunst, Mode und Werbung ist schon Teil der populären religiösen Kunst des 19. Jahrhunderts. Es ist der modische Aspekt dieser Bilder schon im 19. Jahrhundert, der die Madonna von Lourdes so friseursalongeeignet, das Herz Jesu so vertiko- und kommodennötig gemacht hat und das sie heutzutage so clubkompatibel erscheinen lässt. Doch der Kitsch in der religiösen Kunst ist nur ein Symptom. Wie die nachromantische Konjunktur von Kitsch nahe legt, ist es ein allgemeineres Problem der Moderne, an dem die Religion teilhat. Hegel sprach vom Ende der Kunst und zeigte, dass es ein Problem der Religion mit austrägt.

Der brillanteste unter den neueren französischen Romançiers, Jean Rouaud, hat in seiner Familiengeschichte Die Felder der Ehre die zwiespältige Beziehung volkstümlicher Frömmigkeit zum Phänomen der Mode hervorgekehrt. Der Ich-Erzähler beschreibt die Standard-Andachtsecke seiner frommen Tante Marie mit Kruzifix, Herz Jesu, Notre-Dame de Lourdes und Thérèse de Lisieux. Rouaud arbeitet die aufdringliche, modische Zugerichtetheit dieser Körper heraus, die verkleistert, was in ihnen einmal aufscheinen sollte: die göttliche Präsenz in menschlicher Gestalt. Stattdessen wird der Betrachter auf nichts als die materiale Maske eines Leibes gestoßen, der jede Transzendenz verweigert.

Die prekäre Lage tritt am klarsten in Rouauds Beschreibung der Immaculata-Statue von Lourdes zutage, die nach den Anweisungen des Hirtenmädchens Bernadette angefertigt und zur weltweiten Ikone wurde. Die Lourder Madonna erscheint "elegant wie ein Mannequin der Haute Couture, die Taille von einem blauen Seidenschal unterstrichen, dessen Bänder die Linie der Schenkel schmiegend nachzeichnen. Denn trotz ihrer luftigen Erscheinung verbirgt diese Unbefleckte Empfängnis unter ihrer Tunica einen anmutigen Körper, voll der Gnade. Wunder der Fleischwerdung. Das ist ihr Leib."

Rouaud zeigt, wie die Repräsentation von Körpern in der populären religiösen Kunst des 19. Jahrhunderts am Körper des Mannequins hängt. Sie nimmt Maß am Puppenkörper, wie er für die Herstellung des Prêt-à-porter gebraucht wurde.