Psagot/Ramallah

Das Regenwasser läuft an Brückenpfeilern herunter, es spritzt von Autoreifen ab, es beißt in jede Pore. Unbiblisches Mistwetter. Zwanzig, dreißig Menschen drängen sich an einer Jerusalemer Ausfallstraße, von der aus man in die Dörfer einer Gegend gelangt, die ihre jüdischen Bewohner Judäa und Samaria nennen. Im besten Fall hält ein Privatauto und nimmt einen mit. Sonst muss man auf einen kugelsicheren Bus warten, der auf der Nationalstraße 60 durch das seit 1967 besetzte Westjordanland nach Norden fährt. In Parkas gehüllte Polizisten patrouillieren die Gehwege. Anfang November kamen hier bei einem Anschlag zwei Kinder ums Leben, 52 Menschen wurden verletzt.

Der Bus hält an einer Tankstelle. Kein Haus weit und breit. Psagot liegt einige Kilometer seitab auf einem Hügel. Die Zufahrt in die jüdische Siedlung ist berüchtigt, ein offenes Feld für Heckenschützen. Von der Tankstelle kommt man zu dieser Tageszeit nur per Anhalter hin.

"Sag mal, hast du hier nie Angst, Joschua?"

"Angst? Nee. Wenn ich Angst hätte, würde ich das nicht jeden Tag machen."

Joschua Saunders ist zwölf Jahre alt. Er geht in Jerusalem zur Schule. Eine, manchmal eineinhalb Stunden morgens und genauso lang abends dauert sein Schulweg. Oder die Fahrt ins Kino, wenn er mit seinem 14-jährigen Bruder Emanuel Harry Potter sehen will. Oder wenn die beiden ihre Mutter in der Stadt treffen, um bei Sbarro Pizza zu essen. Sbarro ist die Pizzeria, in der ein palästinensischer Selbstmordattentäter im August ein Blutbad anrichtete.

Da gehen sie schon aus Trotz wieder hin.