Passkontrolle, Scheremetjewo 2, Moskauer Flughafen. Russland. Ulrich Beck steht in der Schlange. Die Schlange bewegt sich nicht. Obwohl der Schalter besetzt ist. Beck sieht nach vorn. Eine Beamtin beugt sich über einen Pass, hält ihn unter die Schreibtischlampe, blättert zum Visum und wieder zum Foto.

Der Mann vor dem Schalter soll seine Mütze abnehmen. Er sieht bleich aus. Das mag auch an der Neonröhre liegen, die die Gesichter der Einreisewilligen beleuchtet. Auf der anderen Seite der Schalter, auf russischem Boden sozusagen, leuchtet ein riesiges Gesicht auf einer Tafel. Es hat eine gesunde Farbe und lacht den Einreisewilligen zu. Claudia Schiffer. Sie ist schon da.

Beck trägt einen Koffer mit Arbeitsunterlagen, aber in seinem Pass klebt ein Touristenvisum. Sie haben es in letzter Sekunde ausgestellt. Ein Geschäftsvisum hätte zu lange gedauert. 40 Tage. Der Mann, der am nächsten Tag in der Duma sprechen soll, könnte Probleme kriegen.

Es ist das erste Mal, dass das russische Parlament einen ausländischen Wissenschaftler zum Vortrag eingeladen hat. Das ist eine Ehre. Auch für einen, der zwei Professuren hat, in München und London. Und der unter die großen Soziologen eingereiht wird, mit 57, neben solche wie Marx, Weber oder Durkheim. Ursprünglich sollte Beck über Wirtschaft und Staat im Zeitalter der Globalisierung reden. Dann wurde das Programm aktualisiert. Nun heißt der Titel: Politische Dynamik der Weltrisikogesellschaft. Terroristische Bedrohung.

Der Mann steht immer noch am Schalter, im Neonlicht. Da fällt Beck diese Geschichte vom vergangenen Sommer ein. Sie hat ihn damals schon geschockt, aber nach dem 11. September wiegt sie natürlich noch schwerer.

Beck eröffnete in Helsinki eine Konferenz über Kosmopolitismus.

Welbürgertum. Das ist sein Hauptthema derzeit und eigentlich etwas Schönes, Idealistisches. Doch viele der Weltbürger, die sich in Helsinki trafen, wollten davon nichts hören. Es waren Wissenschaftler aus Peru, Ägypten, der so genannten Dritten Welt. Für sie war die Globalisierung, von deren Chancen Beck redete, nichts als Kolonialismus, Imperialismus und Amerikanisierung.