Drecksäcke gibt es immer, skrupellose Über-Leichen-Geher, denen das Leben ein Hütchenspiel ist, Religion Vorwand für ihre Monomanenlust am Töten und das Töten kaum mehr als Zähneputzen.

Barabas ist solch ein Verbrecher, ein Mann ohne jede Moral, ohne Liebe, ohne Gewissen und ohne Glaube. Ein Asozialer, ein Zombie, hohl und wesenlos, hat er's im Malta der Renaissance, inmitten christlicher Herren, als Handelsjude zu unermesslichen Reichtümern gebracht - und zu einer Tochter, Abigail. Es ist dies Malta ähnlich Othellos Zypern: Die Türken lauern und fordern Tribut, die Christen, ihrerseits Besatzer, lavieren zwischen Appeasement und Vertragsbruch. Alles ist Willkür, Gesetze gelten bis zum Widerruf, ein jeder nimmt, betrügt, rafft Weiber, Geld und Macht. Das Leben ist ein sinnfreies Stirb-und-Werde, Töte-und-Erbe.

Diesmal muss Malta bluten, zehn Jahre Tribut auf einmal an die Türken zahlen, Geld, das nicht vorhanden ist, weshalb die Judengemeinde dafür einstehen soll

wenn's die nicht kann, muss Barabas allein für alle zahlen: per Handstreich kassiert der Gouverneur ihm allen Besitz. Nun setzt das Räderwerk aus Mord und Tücke ein, die Insel wird um ein weniges entvölkert. Das geht ruck, zuck, so wie beim Räuberschach, der Räuber ist Freund Barabas, der Drecksack ohne Religion. Er kauft sich eine Kreatur und räumt auf im Lande Malta: hier ein Briefchen, da eine schnelle Verleumdung (zu Intrigen reicht die Zeit nicht), schon stechen Messer, wirken Gifte, Nonnenklöster sterben zuckend an vergälltem Reisbrei, Jünglinge an Dolchen, Mönche an Stricken, und Abigail krepiert gleich mit. Nuja, sagt Barabas. Dann verrät er die Insel an die Türken, die Türken an den Gouverneur, endlich fällt er in seine eigene, für andere gegrabene Grube

hoch schlagen die Flammen um den Kessel mit siedendem Öl. Danach ist Ruhe, und man applaudiert amüsiert oder ist verärgert, weil diese Sterberei, das Gemurkse und Abgemurkse ohne Effekt oder auch nur Affekt doch weitgehend fad war.

Peter Zadek, einst der wilde Mann für Mordspektakel aus der Shakespearezeit, hat sich zum Zyniker sediert, entschied sich also nicht für die höhnische Farce (die Marlowe geschrieben hat), nicht für die Racheorgie in höchsten Brülltönen, sondern für eine wienerische Operette: Eine Nacht in Malta oder Maske in Blau

und Barabas gibt im bunten Treiben der Nonnenhauben, Faschingspiraten und Musical-Faschisten, der Bikini-Girls und Kuttenbrunzer (wie in Bayern die Mönche heißen) den Conferencier. Er wispert und raunzt sich durchs Netzwerk seiner Schandtaten - "Nu, so machen wir halt Kassasturz", das ist sein erster Satz, die Neuübersetzung ist von Elfriede Jelinek und Karin Rausch, das "Nu" von Zadek oder von Gert Voss. Und es ist bezeichnend. Auf diesem "Nu" und öfters noch einem "Naja" basiert das Wesen dieses Juden von Malta: Der geht nicht in sich und geht nicht aus sich raus, der plaudert sich durch sein amöbisches Leben, in dem für nichts Platz ist als für schnelles Zustoßen. Statt Reflexionen kennt er nur Reflexe. Daher auch nicht mal Hass, bloß Unwillen und rasche Rache.