Feiges Versagen vor der Realität, wie ich feststellte, als ich später im nagelneuen Showroom von Mercedes-Benz am Kurfürstendamm saß. Auch dort ähnelt die gastronomische Nische eher einer Bahnhofshalle. Direkt daneben eine Bar und einige Tische, von denen man einen fabelhaften Ausblick auf Monitore hat, die den Mythos Mercedes verbreiten sowie die Nachrichten von N 24. Man hört verschwommene Popmusik und ab und zu das Jaulen einer Alarmanlage, wenn ein künftiger Kunde einen falschen Fingerabdruck auf dem teuren Blech hinterlässt.

Weil die Eröffnung dem Personal noch in den Knochen steckte, wurden wir mit einem Glas Sekt und einem Happen Gänseleberterrine (zu weich) empfangen. Die Speisekarte las sich in 3,5 Sekunden und verzeichnete tapfer Kalbsbries zum Kalbsfrikassee (17 e), was dann aber doch nicht mitgeliefert wurde. Dafür gemahnte das Lachstatar an einen überfälligen Ölwechsel. Die Weinkarte verzeichnet ausschließlich bleifreie Sorten. Trotzdem sollte man aufpassen, dass sie einem nicht noch einen 500 SL auf die Rechnung setzen. Bei mir hatten sie den Wein vergessen. (1 Flasche Pouilly-Fumé, 33 e, Schneckenragout 9 e. Tägl. geöffnet.)

Das von mir trotz des schaurigen Anstrichs sehr geschätzte Restaurant Portalis in der Mohrenstraße hat einen neuen Küchenchef. Der alte, der dem Restaurant einen Michelin-Stern erkocht hatte, wurde durch Thomas Kellermann ersetzt, der vorher im Münchner Tantris als Souschef gearbeitet hat. Da kann nichts schief gehen, sollte man meinen, und es ging auch nichts schief, als ich die unverändert leichten und modernen Gerichte probierte.

Und wie früher ist es mittags hier, so nahe am Gendarmenmarkt, erschreckend leer. Die Berliner Gastronomie leidet nach wie vor unter dem Widerwillen der Berliner, das Mittagessen zu einer erfreulichen Unterbrechung des täglichen Einerleis zu machen. Jedenfalls öffnen die meisten Restaurants erst gegen 18 Uhr. So viel zum Thema Metropole.

Wenn es die feinen Hotels nicht gäbe, wäre man möglicherweise auf Kartoffelsuppe Berliner Art angewiesen. Deshalb sind Köche wie Nils Kramer als Botschafter des guten Geschmacks für unser Land so wichtig. Er kocht seit einiger Zeit gut gelaunt im Restaurant des Hotels Four Seasons für Gäste, die beim Bummel in der luxuriösen Friedrichstraße verzweifelt nach einer Spur von Eleganz Ausschau halten. Erst auf seinen Tellern ist sie zu entdecken. Denn dieser schlanke Mensch aus Schleswig-Holstein, wo er seinen Ruhm begründete, will die Haute Cuisine ja nicht revolutionieren, sondern ihr jene Zartheit zurückgeben, die ihr beim Ansturm der asiatischen Aromen gern ausgetrieben wurde.

Auch seine Menüs sind nicht unbeeinflusst von Zitronengras und Ingwer, aber selten habe ich starke Aromen so wenig vermisst wie bei ihm, und nicht oft ist mir die ungewohnte Leichtigkeit der Speisen so normal vorgekommen wie in den eleganten Menüs des Nils Kramer.

Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und nie zu sein, stellte Karl Scheffler bereits vor fast 100 Jahren fest. Aus kulinarischer Sicht wirkt dieser Satz des klugen Analytikers wie ein Versprechen. Jener genussfeindliche Provinzialismus, der das Image der Stadt geprägt hat, ist gottlob vorbei. In Berlin kann man heute sehr gut und von Tag zu Tag besser essen.