Sein Ton klingt wie mit einer geliebten Schreibmaschine geschrieben. Die Zeilen ein bisschen verschoben, die Buchstabentypen nicht mehr genau zentriert, aber gründlich geputzt, jedes Wort sorgsam gesetzt. Wenn Fritz Kalmar seine Heimwehgeschichten aus Südamerika liest, fühlt man sich zu Hause oder beinahe wie zu Hause, denn um jenes "wie" geht es in den Erzählungen aus dem Hörbuch Das Herz europaschwer.

Fritz Kalmar ist keiner, der sein Leben lang schrieb und der jetzt - mit 90 - endlich entdeckt würde, er hat sein Leben lang gelebt und erst vor ein paar Jahren daraus Geschichten gezogen. "Das Ehepaar Specht", so setzt er an, "wohnte noch immer so, wie andere Emigranten nur in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft gehaust hatten." Ay, caramba heißt die Erzählung, und der Ausruf zählt zu jenen 37 Wörtern, die Herr Specht in Peru gelernt hat, in diesen 13 Jahren Exil zwischen 1937 und 1950, bevor er wieder in sein Heimatdorf Ernsbach in Württemberg zurückgeht. Er gehörte nicht zu denen, die dort ihr Zuhause finden, wo sie Erfolg haben ("Ubi bene, ibi patria"), er gedachte seiner Heimat mit "wehmutgetränkter Liebe". Also kehrt er mit seiner Frau und den 37 spanischen Wörtern zurück, wird von den Freunden im Kegelclub wieder ehrenvoll aufgenommen, die ihn schon 1937 gewarnt hatten: "Reinhold, du bist jetzt von der falschen Rasse, euch geht's nicht gut, aber es kommt bestimmt noch schlimmer. Hau ab, so lange du noch kannst!" Er hat sie wiedergefunden, ay, caramba, die "jetzt unverlierbar gewordene Heimat", vielleicht aus den falschen Gründen, geehrt durch Missverständnisse, aber seine Heimat.

Fritz Kalmar beschreibt verschiedene Arten, die Heimat zu suchen und das Exil zu leben - "zu ertragen" wäre schon zu schwer für diesen ins Hochdeutsch gefärbten Wiener Ton, der zwischen achselzuckender Melancholie und süßer Bitterkeit schwankt. Es sind nicht Literaten oder Großbürger, die hier das fremde Land mit der Heimat zusammenbringen müssen - eine der Geschichten heißt: Übersetzung der Gefühle -, es sind einfache Menschen wie der Wiener Tischler Ewald Jung und seine Gattin, die Hutmacherin Finnerl, die ihm nach Südamerika folgt, obwohl ihr die Freundinnen raten, sich doch scheiden zu lassen, da sie ja "in Ordnung" sei. Unaufgeregt kommt hier der Nationalsozialismus über die Juden, in jener schrecklichen Normalität, von der auszugehen ist oder - wie es der Kaffeehauskellner Bernhard sieht - die manch Trägem dazu verhilft, wieder hinaus in die Welt zu kommen: Glück im Unglück.

"Erst das Jahr 1938 ... lenkte seine Aufmerksamkeit auf den bedauerlichen Umstand, dass sein Blut den neuen Anforderungen nicht entsprach, ein Defekt, der einige treue Freunde zu begründungsloser Einstellung des Verkehrs mit ihm nötigte." Es ist dieser eingestreute sachliche Tonfall, der den Heimwehgeschichten jede Sentimentalität nimmt und die Rührung dem Leser überlässt. Man mag auch das frühe Studium der Jurisprudenz heraushören, das Fritz Kalmar, am 13. Dezember 1911 in Wien geboren, zum Rechtsanwalt befähigte, ein Beruf, der sich im Exil aber als lebensuntauglich erwies. Als Zimmermaler, Lampenschirmmacher und Englischlehrer verdiente er sich sein Geld im ersten südamerikanischen Exil in Bolivien, als Angestellter, Journalist und Übersetzer schließlich seit 1953 in Montevideo in Uruguay. In Bolivien hatte er schon, zusammen mit dem Regisseur Georg Terramare und der Schauspielerin Erna Terrell, eine österreichische Theatergruppe initiiert - Schnitzler und Nestroy im staubigen La Paz - in Montevideo heiratete er Erna Terrell, wurde zum Honorarkonsul Österreichs in Uruguay. Er schrieb nebenbei, er führte Regie, blieb bei seiner kranken Frau, bis sie starb. Jetzt lebt er ein Dreivierteljahr in Uruguay, kommt mit 90 für ein Viertel nach Wien, während des Sommers.

Zu hören sind gekürzte Geschichten, und das ist gut so. Zum einen kann man der höflichen, langsamen Stimme in fünf statt - womöglich - nur in zwei Erzählungen lauschen, zum zweiten muss man das Buch ohnehin kaufen (Picus Verlag, Wien 1997

192 S., 34,- DM) und liest dann im klugen Nachwort von Ursula Seeber auch ein Gedicht von Fritz Kalmar, das endet: "Wie oft man auch seine Gefühle verpflanze, / Zwei halbe Heimaten sind keine ganze." Da könnte man an die Südamerika-Exilanten Anna Seghers, Stefan Zweig oder Egon Erwin Kisch anknüpfen, drei von 90 000, die seit 1933 nach Lateinamerika flohen, Fritz Kalmars Geschichten liegen näher. Bei einer Heimat, die jeder verliert, bei einem "wie zu Hause", das jeder für sich sucht. Dem Autor Erich Hackl erzählt Fritz Kalmar, wie er mit seiner Frau Erna Terrel zum ersten Mal 1957 wieder nach Wien kam: Anfangs blieben sie beinahe ungerührt, am nächsten Tag schlendern sie durch die Innenstadt, und es beginnt zu schneien. "Ich hab zu meiner Frau gesagt, schau, das ist jetzt wie eine Regieanweisung in einem Schnitzler-Stück: ,Wien, Stephansplatz, leichter Schneefall.' Und in diesem Moment begann sie zu weinen und ich beinah auch, und wir haben uns umarmt, und da waren wir wieder zu Haus." Nachsatz: "Sind es aber nicht geblieben."

* Fritz Kalmar: Das Herz europaschwer