Jazzfans haben einen Anlass zu jubilieren. Was kaum einer zu hoffen wagte, wird wahr: In zwölf Folgen strahlt der deutsche Fernsehsender Phoenix die in den USA kontrovers diskutierte, doch große Dokumentation Jazz aus - in synchronisierter Fassung. Was zu erwarten war: Man ist hin- und hergerissen.

Man möchte diese zwölf Stunden in den Himmel heben und zur Hölle wünschen, sie jeder und jedem empfehlen, um zu zeigen, warum Jazz die Musik des 20.

Jahrhunderts war, und musikalisch Minderjährige davor bewahren, diesem Propagandawerk zu verfallen. Seelenvoll beginnt diese Sendereihe des Dokumentarspezialisten Ken Burns, der mit Jazz seine amerikanische Trilogie aus Civil Wars und Baseball vollendet, sie zeigt nie gesehene Fotografien und Filme, Interviews und Konzertmitschnitte - Ergebnis einer sechsjährigen Recherche, die 13 Millionen Dollar kostete - man versinkt in Straßen- und Strandszenen, Zeugnissen der Sozialgeschichte der Schwarzen, nahtlos in die Musikgeschichte integriert. Es ist eine Stärke dieser Sendereihe und ihre Schwäche. Zehn Folgen lang genießt man die Schwarzen Louis Armstrong und Duke Ellington, die Säulenheiligen dieser Reihe, weidet sich an Lester Young und Billie Holiday, bis plötzlich der Faden reißt: Der Kalte Krieg gegen die weiße Moderne bricht aus, nachdem man die Postmoderne zu den Akten gelegt hat. Womit das leidige Thema "Wynton Marsalis" eröffnet wird, musikalischer Berater von Ken Burns, jene attraktive, trompetende Galionsfigur der Neokonservativen, die den Zeitraum zwischen 1960 und 1980 zum Irrweg erklärt hat. Das reicht von der Verfemung des "Verräters" Miles Davis, der sich mit seinem Rockjazz an die Weißen verkauft hat, über dilettierende Free-Jazz-Musiker bis zum weißen Mainstream, der die Schwarzen ausgebeutet hat. Namen wie Lennie Tristano, Chet Baker, Bill Evans, Stan Getz, Keith Jarrett fehlen ebenso wie der Rest der Welt: Jenseits der USA liegt Terra incognita. Man fühlt sich in die Zeit des Schismas der fünfziger Jahre versetzt, als Gott Swing gegen Teufel Bebop stand. Zeit also, den Historikerstreit im Jazz zu eröffnen - Material dazu ab 22. Dezember jeden Samstag um 20.15 Uhr auf Phoenix.