Süßer die Geister nie stritten! Theodor Lessing, der temperamentvolle Philosoph und begnadete Polemiker, griff bei seinen Attacken gegen Thomas Mann auch schon mal gern ein bisschen tiefer: "Nein, Thomas Mann, Sie sind kein Dichter! Nur ein hochgezüchtet Marzipan-Mann aus Lübeck ...", höhnte er 1910 im Literarischen Echo. Das muss Mann denn doch getroffen haben. Noch 1926 kann er sich in seiner Betrachtung Lübeck als geistige Lebensform einen gewissen Seitenhieb nicht verkneifen: "Will nun einer an mir sein Mütchen kühlen und mir eins auswischen, so kann ich mit Sicherheit darauf rechnen, daß meine Lübecker Herkunft und das Lübecker Marzipan aufs Tapet kommt." Nun könne er sich aber, weitet er die Antwort gleich ins Kulturhistorische aus, durch die "wohlschmeckende Substanz" nicht gekränkt fühlen. Denn "sieht man sich diese Süßigkeit genauer an, diese Mischung aus Mandeln und Rosenwasser und Zucker, so drängt sich die Vermutung auf, daß da der Orient im Spiel ist, daß man ein Haremskonfekt vor sich hat und daß wahrscheinlich das Rezept zu dieser üppigen Magenbelastung über Venedig nach Lübeck an irgendeinen alten Herrn Niederegger gekommen ist."

Mandeln und Rosenwasser und Zucker, Orient und Haremskonfekt ... Thomas Mann lässt es hier, just im Dauerstreit mit dem nüchternen Hannoveraner Lessing, anklingen: Marzipan, die weihnachtlichste aller weihnachtlichen Süßigkeiten, hat eine bewegte, eine märchenhafte Geschichte. Sie führt weit zurück, tief hinab in den Brunnen der Vergangenheit. Und in Länder, weit entfernt vom Ostseestrand.

Medizin für das Rückenmark

Seit Menschengedenken, so erzählen Freunde aus dem Iran, habe man dort in vierwöchiger Familienzeremonie zum uralten, persischen Neujahrsfest (am 23.

März) die süße Speise bereitet: das traditionelle Baghlaba. Dazu werden Süßmandeln gebrüht und enthäutet, dann mühsam in Steinmörsern zerstoßen, um sie endlich mit Puderzucker, Kardamom und Rosenwasser zu verkneten. Wahre Raffinesse erziele man durch vorsichtige Zugabe einiger Bittermandeln. In langstieliger Deckelpfanne röstet die Masse eine Nacht lang in der Holzkohle, das ganze Haus mit ihrem Duft erfüllend. Richtiges Baghlaba muss "auf der Zunge schmelzen".

Seit Menschengedenken: das ist historisch natürlich etwas unscharf. Doch wo und wann auch immer im Orient das allererste Marzipan geknetet wurde - im Anfang stand der Mandelbaum (Prunus amygdalus). Er hat sich seit dem Beginn der Landwirtschaft im Zweistromland um die ganze Erde verbreitet, jedenfalls überall dort, wo es nicht allzu kalt ist. Der Samen der Süßmandel (var.

dulcis), protein- und fettreich, war, mit Honig angerichtet, für die Griechen Medizin und fehlte auch in Roms feiner Küche nicht. Der persische Arzt Rhazes (850 bis 923) beobachtete die Wirkung dieses einerseits aufbauenden, andererseits nicht gänzlich unproblematischen Genussmittels: "So man sie aber geschält mit weißem Zucker genießt, vermehren sie das Rückenmark und das Gehirn und machen den Körper fett ..."