Sie sah Generationen junger Heroinen kommen und verblühen, sie hörte, wie sich manch zarte Kundry überschätzte, weil ihr die Mittellage und die Tiefe fehlte, und oft sah sie tote Gesichter und leblose Körper, die einzig eine Stimme, aber keine Erscheinung besaßen. Irgendwann ahnte Martha Mödl, dass der Typus der Singschauspielerin, die mit dem Regisseur an einer Rolle bis zur totalen Identifikation arbeitet, auszusterben begann. Das war wohl ihr Feuerimpuls, weiterzumachen auf der Bühne, sozusagen bis zum Umfallen - zuletzt noch, im Charakterfach, als irre Gräfin in Peter Tschaikowskys Pique Dame. Martha Mödl, 1912 geboren, war eine Künstlerin, die sich an die Bühnenkunst verschenkte bis zur Verausgabung. Doch hatte sie eiserne Prinzipien: In fanatischer Redlichkeit wartete sie alle Angebote ab, bis sie sich reif fühlte für eine Partie. Seit sie 1951 als Kundry bei den Bayreuther Festspielen debütierte und dort von Wieland Wagner zügig zu Isolde und Brünnhilde befördert wurde, galt sie als Hochdramatische, die sie indes nie war. Ihr Fundament war ein dunkler, imposanter Mezzobereich, ein majestätisch gegürteter Carmen-Ton von einer Sinnlichkeit, die ihr kaum jemand nachmachte.