Was die Vernünftigen nur selten verstehen: Wie schön es ist, sich zu verlieren, Spuren zu verfolgen, die oft nirgendwo hinführen, Namen zu notieren und nach Jahren wiederzufinden, Musik aus Nebenräumen zu hören, unbeachtet und dann - eine Offenbarung. Natürlich besitzt man schon unsinnig viele Platten und CDs, warum also suchen, auf seltsamen Wegen? Als das Schweizer Label HatHut vor ein paar Jahren dazu überging, ihre CDs nicht mehr in Plastikhüllen zu verpacken - gab es denn je einen einsehbaren Grund für dieses ästhetische Verbrechen? -, und sie in gefühlsechter Pappe greifbar erschienen, war eine Spur gelegt. Die Verpackung ist der Inhalt. Zufall also, Marc Copland zu finden? Eher logische Folge. Umso schöner, als kaum ein anderer Weg zu Copland geführt hätte, einem Altsaxofonisten aus Philadelphia, der nach New York kam und in den siebziger Jahren - so der Plattentext - das Saxofon beiseite legte, um Pianist zu werden. Selbst gelernt. Er spielte in Big Bands, arbeitete mit dem Gitarristen John Abercrombie, dem Bassisten Gary Peacock, lebte in einer Parallelwelt, die oft weniger beachtet wird als die Alternativszene, spielt nun im Trio mit Drew Gress, Bass, und Jochen Rueckert, Schlagzeug, als solle man ihn die Entdeckung des Jahres nennen.

Haunted Heart & Other Ballads beginnt mit einer Fassung des Walzers My Favorite Things - der Deckel einer Spieluhr öffnet sich. Als hätte die impressionistische Moderne ein Misstrauen gegen ungeschützte Melodien gesät, um gerade dadurch die Schönheit der Melodie noch hörbarer zu machen, übernimmt Marc Copland die Kunst, sich zwischen Melodie und harmonischer Verschiebung aufzuhalten. Oder anders: Sein mäanderndes Spiel verstärkt die Nähe zur Melodie, indem sie sich davon entfernt. Das erklärt, warum er viele Standards wählt, die mit dem Namen Coltrane verbunden sind: Greensleeves, Crescent, Soul Eyes, und My Favorite Things - gleich dreimal (hatOLOGY 581, Vertrieb: Helikon). Wer die Musik von Bill Evans liebt - des Pianisten versteht sich -, wird Marc Copland verfallen.

Und dann beginnt das Weitertasten aufs Neue, wird man den Namen Marc Copland auf einer anderen aufregenden CD lesen, die ebenso die Kühle des Herzens mit der Wärme des Verstandes verbindet: B-A-C-H - A Chromatic Universe. Mit Peter Herbert (notieren!) entdeckt man einen großen Bassisten aus Österreich, der in New York lebt und manchmal bei Franz Koglmanns Monoblue Quartet zu hören war (between the lines 013, Vertrieb: EFA 10183). Die Trompeterin Ingrid Jensen (notieren!) spielt in diesen Tonräumen, die Bassklarinettistin Carol Robinson (notieren!), die endlose Suche der Unvernünftigen geht weiter.