Bildersucht. Wenn ich in einen Subway-Waggon steige, bin ich meistens der Einzige, der sich umsieht und Blicke sucht. Meine Neugier ist zu groß, und erst nach ein paar Minuten beherrsche ich den Kodex, der hier unten gilt. Man schaut sich nicht an. Die Reisenden organisieren mit allen Sinnen das perfekte New Yorker Nebeneinanderher. Sie verteilen ihre Blicke so im Waggon, dass nie zwei Leute einander oder dasselbe Fleckchen Boden sehen. Es herrscht die bannende Kraft Hunderter gesenkter Blicke: Man steigt zu und legt seine Waffe nieder. Man reist gemeinsam, indem man sich nicht wahrnimmt. Jede U-Bahn-Besatzung ist ein Sample der menschlichen Rassen. Man gehört zur Gruppe unter der Bedingung, sich kein Bild von ihr zu machen, sich kein Gesicht zu merken. Was die Reisenden voneinander wissen, das bleibt, mit einer Hollywood-Floskel gesprochen, in diesem Raum. Ich verlasse den Waggon und habe euch schon vergessen. Man erlaubt sich nicht die Anmaßung, andere durchschauen und taxieren zu wollen. Man interessiert sich in dieser Stadt nicht für Vorgeschichten. Wo einer herkommt, spielt keine Rolle. Wichtig ist, wo einer hinwill.

Die Regel gilt nicht mehr. In der Stadt geschah der am aufwändigsten untersuchte Massenmord der Geschichte, und nun folgt der intensivste Versuch, die Opfer festzuhalten, ihnen Gesicht, Geschichte, Bestimmung zu geben. Die Zufallsmasse der Opfer des 11. September wird mit allen Mitteln gehoben, geborgen, personalisiert und individualisiert: Sie sind das Sample der heroes, das heilige Allgemeine.

Drei Monate nach dem Anschlag ist die Stadt noch immer hungrig nach Vorgeschichten: Da ist der Mann bei Cantor Fitzgerald, dem man zum Montag, 10. September gekündigt hatte und der am 11. noch mal ins World Trade Center kam, um seinen Schreibtisch zu räumen. Oder die Geschichte von Harry Ramos und seiner Witwe: Harry Ramos, head trader der May Davis Group im 87. Stock des Nordturms, hat als Einziger aus seinem Büro nicht überlebt. Er war im 36.

Stock zurückgeblieben, um einem Mann namens Victor beizustehen, der zusammengebrochen war und nicht weiterkonnte. Seine Witwe hat ihm diese Selbstlosigkeit nie verziehen, bis sie vor kurzem selbst in einen Brand geriet. Sie floh nicht aus dem Gebäude, sondern rannte Richtung Brandherd - und rettete einem Mann namens Victor das Leben.

Die New York Times hat in den Tagen nach dem Anschlag eine Serie begonnen, die noch läuft: Sie heißt Portraits of Grief und präsentiert auf einer Seite, manchmal sogar auf einer Doppelseite, Fotos und Kurzporträts der WTC-Opfer, mindestens zwölf am Tag. Wir sehen alle, die da fielen, Monate nach ihrem Tod. Wir erfahren, aus welchem Leben sie gerissen wurden, was sie hatten an irdischem Besitz und an Gründen, stolz zu sein. Wir lernen ihre Terminpläne kennen, als gingen alle diese Leben irgendwann weiter. Ganze Suburbs und Wohnungseinrichtungen erstehen vor dem inneren Auge des Lesers (die Serie, so hört man, hat eine ungeheure Leserschaft). Es ist ein Soziogramm der Verschwundenen, ein Wiederauferstehungsprojekt in je 30 trockenen Zeilen, ein Katalog von Toten, in dem, so die unterschwellige Botschaft, auch wir verzeichnet sein könnten. Und es ist wohl der größte aller Versuche, dieser Stadt Transparenz zu geben. New York ist bildersüchtig, wie man es von Hinterbliebenen kennt. "Wenn ein Haus brennt, retten viele Menschen als Erstes ihr Familienalbum", hat das Life Magazine mal geschrieben, und genau das geschieht seit Monaten: Die Stadt erstellt und rettet ihr Familienalbum.

Holy, Howling Ground. Um zwei Uhr nachts ist Ground Zero hell wie ein Filmset

eine riesige Wasserfontäne, die den Staub niederhält, wölbt sich, aus Hunderten Meter Entfernung sichtbar, über den Schutt. Es wird pausenlos gearbeitet, 6000 Leute gehören zur Mannschaft. In den evakuierten Hochhäusern ringsum brennt etagenweise das Licht, um dem Ort das Kraterhafte zu nehmen.