Khwaja Ghar

Es hat aufgehört zu regnen. Langsam trocknen die Straßen. Die Räder des klapprigen russischen Jeeps graben sich nicht mehr ganz so tief in den rotbraunen Matsch ein. Das, was die Afghanen hier lächelnd "Straße" nennen, entspricht einem frisch gepflügten Acker.

Wir fahren zur Fähre am Fluss Pjandsch, der Afghanistan von Tadschikistan trennt. Wir erwarten die ersten 16 Lastwagen mit 180 von insgesamt 450 Tonnen, die Cap Anamur von Deutschland aus auf dem Schienenweg geschickt hat.

Die Lieferung enthält Nahrung, warme Kleidung und Medizin.

Die Fähre über den 200 Meter breiten Pjandsch ist ein Stahlponton. Auf diesem Ponton sind die Überreste eines ausgedienten Traktors montiert. Um die rote Felge des Hinterrades ist ein Stahlseil gewickelt, das an beiden Ufern befestigt ist. Gibt der Fahrer auf dem abgewetzten Plastiksitz des Traktors richtig Gas, zieht sich das schwimmende Ungetüm in knapp drei Minuten von einer auf die andere Seite. Das ist die einzige Nadelöhrverbindung in den ganzen Raum der nördlichen Gebiete Afghanistans. Wir arbeiten jetzt in einem großen ländlichen Bereich, in dem eine Million Menschen lebt. Nimmt man die ganze Provinz Kundusch dazu, sind es drei bis vier Millionen Menschen. Wir werden sie nicht über den Winter bringen können, wenn es nur diese brüchige Fähre gibt.

Bevor wir uns von unserer Ambulanz in der Ortschaft Deschte Kalar auf den Weg zur Fähre machten, kam unser Übersetzer Tadsch Mohammed gerade aus Kundusch zurück. Er stieg vom Pferd. Während des Regens sind Pferde die besseren Transportmittel. Tadsch berichtete, dass in Kundusch schon während der letzten Tage etwa 100 Menschen verhungert seien.

Wir sind besorgt, denn wir müssen die Nahrungsmittel, die in 16 russischen Eisenbahnwaggons in Duschanbe angekommen sind, möglichst schnell hierher bekommen. In Tadschikistans Hauptstadt will keine Behörde etwas von Transitgütern wissen. Nie gehört. Also müssen neue Formulare erfunden werden.