Der Vater meiner Freundin täuscht mal wieder eine Gallenkolik vor und weist alle darauf hin, dass dies höchstwahrscheinlich das letzte Weihnachten sei, das er erleben werde. Das macht er jedes Jahr so, damit seine Kinder vollzählig erscheinen, um mit ihm zu feiern. Nein, diesmal bleibt sie hart, sagt meine Freundin, sie sehe überhaupt nicht ein, wieso sie mit über 30 Jahren nicht das Recht auf ein selbst bestimmtes Weihnachten mit ihrem Mann haben soll. Am Ende wird sie dann doch wieder das Zugticket nach Bielefeld buchen. Wie jedes Jahr. Die Weihnachtsabnabelung von der Familie ist ein echter Kraftakt, manche schaffen ihr Leben lang den Absprung nicht. Für gewöhnlich wird nur der Ort des Geschehens ein anderer, nämlich die eigene Wohnung, in der die Großfamilie einfällt, was meistens nicht zum Abbau des Weihnachtsstresses beiträgt.

Heilig Abend ist nun einmal das Fest der Liebe. Das hat sich auch bei den notorischen Einzelkämpfern, die das ganze Jahr ihre Unabhängigkeit demonstrieren, herumgesprochen. Um den 20. Dezember herum gönnen auch sie sich mal einen weichen Moment. Ihm graue schon vor Weihnachten, jammert mein Vetter vierten Grades, von dem ich seit drei Jahren nichts mehr gehört habe, weil er jetzt in schickeren Kreisen verkehrt. Was wir denn am 24. so vorhätten? Auch der Exexexfreund, der mich bei seinen letzten drei rauschenden Partys nicht eingeladen hatte, wird sich garantiert noch melden und ein paar andere Saisonsensibelchen, die normalerweise vollauf beschäftigt sind mit ihrer Karriere, ihren herrlichen Reisen oder kurzlebigen Affären.

Sie alle zeigen mir ihre verschüttete Restfreundschaft, indem sie sich bereit erklären, ihren einzigen Heultag des Jahres mit mir und meinem Gänsebraten zu teilen.

Den ganzen Abend wird wortreich bereut, dass man sich derart aus den Augen verloren habe, und auf wahre Freundschaft getrunken. Aber nur bis zum Abwasch. Dann müssen sie dringend los. Ab 23 Uhr kann man sich nämlich wieder blicken lassen, ohne als einsam zu gelten, da sind auch die Clubs endlich offen. Aber dieses Jahr wird alles anders. Ich werde ihnen die Stirn bieten und eine handfeste Gallenkolik vortäuschen.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD