Es stinkt. Süßlich-eklig driftet Verwesungsgeruch unter dem großen Tropenbaum. Doch es gibt kein Entkommen. Mindestens sechsmal am Tag müssen Roman Kaiser und David Apel am Kopf des geschlachteten Zebus vorbei zur bananenblättergedeckten Essbaracke. Für die beiden eine besondere Qual.

Kaiser ist Duftforscher, Apel Parfümeur, ihre Nasen sind trainiert, auch den feinsten Wohlgeruch noch einzufangen.

Einige Meter vom zersetzten Schädel entfernt beginnt für die Duftjäger das Paradies. Kaum berührter Regenwald zieht sich von der Meeresbucht, an der das Forschungscamp Tampolo liegt, gegen die Berge hin. Einer der artenreichsten Wälder der Erde soll es sein, so genau weiß das niemand. Nur wenige Botaniker haben sich durch das Lianendickicht von Masoala in Madagaskar gezwängt, ein paar Kilometer von der Küste entfernt hat die grobe Landkarte noch weiße Flecken.

Ausgerechnet aus dieser ursprünglichen Welt, bewohnt von einigen Dutzend Waldbauern, deren Geister die Forscher mit dem gepfählten Zebukopf besänftigen müssen, werden die neuen Parfüms von Hugo Boss oder Yves Saint Laurent kommen. Komponiert vielleicht um den "blumig-würzigen Duft" der kleinen weißen Orchidee namens Oeoniella polystachis, die Kaiser schon am ersten Tag der Expedition 20 Meter hinter seiner Schlaf- und Laborhütte findet. Der Chemiker ist Pionier einer Gilde von Duftforschern, welche die Natur zum Vorbild nehmen, um neue Wohlgerüche zu kreieren. "Die Natur war schon immer das Maß für alles in unserem Leben, auch für das Geruchsempfinden", sagt Kaiser. "Deshalb ist es für die Parfümerie wichtig, die Natur zu studieren."

Vor der Expedition auf die abgelegene Masoala-Halbinsel im Nordosten Madagaskars zog der 56-jährige Kaiser unter anderem durch die Alpwiesen der Schweiz, die Hügel Balis und die Dschungel Französisch-Guayanas, Gabuns und Papua-Neuguineas, ausgerüstet mit einer vollendeten Nase und raffinierter Technik, mit der er auch den flüchtigsten Duft chemisch einfangen und analysieren kann. Für den 42-jährigen David Apel ist es der erste Suchtrip.

Er holt sich hier die Inspiration, um mit den neu entdeckten Düften Kaisers seine Parfüms zu schaffen. Augenfälligster Helfer bei der Suche des geruchsmächtigen Gespanns ist ein lenkbarer Heißluftballon, der die ungeheure Artenvielfalt im Blätterdach der Regenwälder erschließt.

Mit den olfaktorischen Trophäen, die Kaiser sammelt, buhlt sein Arbeitgeber, der Schweizer Dufthersteller Givaudan, gegen die Konkurrenten um die Aufträge von Gucci oder Nina Ricci. Denn die Parfümfirmen kaufen ihre Duftwässer meistens ein. "Wir müssen stetig Neues bieten, um im harten Wettbewerb erfolgreich zu sein", sagt Kaiser. "Parfüms stellen Träume dar, Exotik und Glamour sind wichtig."

Hier im Busch, zwei Tagesreisen mit Flugzeug und Boot von der madagassischen Hauptstadt Antananarivo entfernt, ist von Glamour nichts zu spüren. Die Exotik ist für fremde Augen aber überall: Entlang des Sandstrands wuchern Orchideen wie Unkraut, im Halbdunkel des Regenwalds rennen leuchtend rot-schwarze Krabben durchs Unterholz wie bei uns Ameisen. Irgendwo in den Baumkronen schreit eine Gruppe von Lemuren.

Die Wohlgerüche allerdings sind für den unbedarft mitstiefelnden Laien nicht leicht auszumachen. Erspäht er im Braun und Grün endlich das Rot einer Blüte, so riecht sie nicht. Für Kaiser keine Überraschung: "Man muss sich gut auskennen für diesen Job." Rund 30 Jahre ist es her, seit er nach dem Technikum in Winterthur bei Givaudan begann. In dieser Zeit wurde aus dem jungen Chemiker der Doyen der Duftforschung. Unablässig hat er sich im Riechen und der Botanik geübt.

Denn nur wer die Verführungskünste der Pflanzen kennt, kommt ihnen auf die Schliche. Der Duft einer Blume soll ausschließlich jenen Bestäuber anlocken, der für den Zweck geeignet ist. Hat sich eine Blüte auf die Liebesdienste von Fledermäusen kapriziert, riecht sie wie Pilze oder Gemüse, verlässt sie sich auf Fliegen, verströmt sie den Geruch von Aas oder Lebertran. Rote Blüten duften oft gar nicht, weil sie Vögel anlocken, deren Augen besser sind als ihre Nasen. Viel versprechend sind Blumen, die sich auf Bienen oder Schmetterlinge verlassen, besonders jene Arten, die von Nachtfaltern bestäubt werden. Ihren Duft geben sie aber nur in der Nacht preis, manche gar nur für wenige Stunden.

Reist Kaiser in eine neue Weltgegend, studiert er zuvor minuziös die einheimischen Pflanzen. Madagaskar hat viel zu tun gegeben: Allein 1000 bis 1500 Orchideen soll es auf der Rieseninsel geben, viele davon kommen nur dort vor. Bedächtig die Luft einziehend, identifiziert Kaiser bei jeder entdeckten Blüte die Moleküle, die sie verströmt: das blumig-fruchtige Beta-Ionon, das etwa in der Freesie vorkommt, das rosige Gareniol oder das würzige Eugenol der Gartennelke. Nur selten enthält ein Duft eine Nuance, die ihm völlig unbekannt ist. Jahrelange Übung hat in Kaisers Gehirn ein riesiges Duftarchiv entstehen lassen, das er systematisch durchgeht, um Note für Note die Natur eines Duftes zu ergründen.

Es gibt kaum Langsameres als eine Gruppe von Duftforschern und Botanikern, die durch den Wald zieht und nach Beute sucht. Weil es in Masoala tatsächlich so viele einzigartige Pflanzen gibt, wie die Botaniker gehofft haben, findet sich jeden Meter auf den Machetenpfaden der Einheimischen etwas, das das Anhalten lohnt. "Wo nur kommen die weißen blumig-jasminartig duftenden Blüten her, die auf dem Boden liegen?", fragt sich David Apel auf einem der Ausflüge. "Wäre nur Jean-Yves da, dann würden wir den Baum finden."

Bei der Tour am nächsten Morgen ist er dabei, Jean-Yves Serin, professioneller Baumkletterer. Er holt für die Forscher Früchte, Blüten und Blätter von den Bäumen. Kaum hat er das Seilende mit der großen Steinschleuder in die Baumkrone geschossen, turnt er im Blätterdach herum, schwingt sich von Baum zu Baum. Nach einem Warnruf aus der Höhe kracht ein großer Ast herunter. Daran hängen kleine braune Früchte mit sandiger Oberfläche. "Aus der Familie der Burseraceae", sind sich Kaiser und ein einheimischer Botaniker bald einig. Die unscheinbare Frucht erweist sich als einer der Hits der Expedition: "Eine wunderbare Komposition von Weihrauch und Elemi, einem Baumharz", sagt Kaiser, an der aufgeschnittenen Trouvaille riechend. Es bleibt der einzige brauchbare Fund an diesem Tag, acht erstklassige Duftproben werden es am Ende der zweiwöchigen Expedition sein.

Kaisers Favorit ist "ein attraktiver Duft nach weißen Wicken und Robinien", den die Blüte einer Dialium-Baumart verströmt. Gleich auf dem ersten Flug mit dem Heißluftballon stoßen er und Apel auf das Gewächs aus der Familie der Bohnen. Von weither steigt ihnen der Geruch in die Nase. Sie stehen in einer schüsselartigen Plattform, die an Seilen unter dem Ballon hängt. Getrieben von einem Propeller, gleitet das 51 Meter lange Gefährt wie ein lahmer Wal über den grünen Ozean, aus dem zuweilen spiralige Pandanuspalmen oder knallig rot blühende Symphoniabäume herausragen.

300 millionstel Gramm Duft

Der Anflug klappt beim ersten Mal. Apel hält sich am Baum fest, damit der Schlitten nicht wegdriftet. Kaiser macht sich daran, jene Apparatur zu montieren, die er entwickelt hat, um Düfte einzufangen. Er stülpt eine Glasglocke über den Blütenstand und führt einen Schlauch mit einem kleinen Adsorptionsfilter ein. Durch den leitet er mit einer Minipumpe die Luft aus der Glocke. Dabei bleiben die Duftmoleküle im Filter hängen. Auf ein Zeichen Kaisers heizt der Pilot oben in der Kanzel dem Ballon ein und gibt Schub. Der Zeppelin gleitet weiter. Nach zwei Stunden, am Ende des Fluges, holen die Forscher die Apparatur wieder ab - nun geladen mit höchstens 300 millionstel Gramm Duft.

Genug, um später zu Hause im Labor im zürcherischen Dübendorf den Dialium-Hauch aufzuschlüsseln. Mit dem Gas-Chromatografen separiert Kaiser dazu die bis zu 150 Geruchsmoleküle, während der Trennung prüft er die einzelnen Stoffe mit der Nase. Viele kann er so schon identifizieren. Denn das Riechorgan ist bis zu 100-mal empfindlicher als die Analysegeräte, mit denen einzelne Moleküle bestimmt werden können.

Ist die Zusammensetzung ergründet, macht Kaiser sich daran, die Duftnote nachzubilden. Dazu mischt er die 30 bis 50 wichtigsten Moleküle zusammen, das reicht zur Täuschung normaler Dumpfnasen aus. Einige der Originalstoffe muss er durch ähnliche ersetzen, weil sie zu teuer oder nicht gesundheitlich geprüft sind. Beim Nachbau kommt es neben der Art auch auf die Menge der Komponenten an. "Im Bouquet eines Sauvignon-blanc-Weins ist beispielsweise ein schwefelhaltiger Stoff wichtig", sagt Kaiser. "Er kommt aber nur zu 0,00001 Prozent vor. Setzt man zu viel davon ein, riecht es nach Katzenpisse."

Der neue Dialium-Duft kommt zu den 1500 Noten dazu, aus denen die Parfümeure ihre Kreationen komponieren. Längst werden die meisten Parfümbestandteile synthetisch hergestellt. Die Produktion aus Pflanzen verbietet sich vor allem bei den Düften aus exotischen Ländern. Viel zu teuer und ökologisch bedenklich wäre das Sammeln der seltenen Tropengewächse.

Zuweilen stößt Kaiser bei der Analyse auf Stoffe, die unbekannt sind. Sind sie olfaktorisch interessant, versucht der Chemiker sie zu identifizieren. Im Gegensatz zu den nachgeahmten Blütendüften sind neu entdeckte Moleküle patentierbar. Aber nur die interessantesten schaffen es in die Palette der Parfümeure, denn die nötige gesundheitliche Zulassung dauert Jahre und kostet Millionen. Sechs neue Substanzen hat Kaiser in seinem 30-jährigen Wirken den Parfümeuren beschert, und 400 ganze Düfte. 8000 Pflanzen hat er dafür mit der Nase untersucht, 1500 davon eingefangen und analysiert. Von Masoala wird er acht bis zehn Düfte nachbilden. Die besten fünf werden die firmeneigenen Parfümeure auswählen. Sie bilden die Basis ihrer Entwürfe, wenn sich Givaudan an den Wettbewerben beteiligt, die Hugo Boss oder Giorgio Armani veranstalten, um ein neues Parfüm einzukaufen.

Bald trägt Frau Melone

"Vier der fünf auserwählten Noten kenne ich im Voraus", sagt Kaiser. Es sind jene, die nahe an der aktuellen Mode sind. "Leichte, fruchtig-wässrige Düfte mit einem blumigen Hintergrund sind gefragt." Wie jener Hauch, der Apel eines Abends auf dem Weg ins Camp zufliegt. Versunken steht der Parfümeur am Rand des Pfades und ergründet den Wohlgeruch, dann merkt er sich den Ort. Am nächsten Tag finden er und Kaiser am Strand die Quelle: einen kleinen Baum, dicht besetzt mit Ständen von weißen, fünfblättrig geschraubten Blüten. "Das muss ein Baum der Gattung Tabernaemontana sein", sagt Kaiser. "Ein wunderbar melonigwässriger Duft, um den herum man leicht ein Parfüm bauen kann."

Doch es sind nicht die einfachen Düfte, die Kaiser wirklich reizen. Es ist die Herausforderung, eine ungewöhnliche Note in die Parfüms zu bekommen. "Man muss innovativ sein, darf aber die Menschen nicht schocken." Wie es ihm mit der Rinde des Wacapu-Baums aus Französisch-Guayana gelang, deren "frischer, aber neuartiger Duft" das Herz des Ralph-Lauren-Parfüms Romance - men bildet.

Seither sind Rindendüfte en vogue. 2000 folgte Gucci mit rush, das die Parfümeure um die "ambrige und moschusartige Holznote" der Rinde des Okoumé-Baumes aus Gabun komponierten. Auch in Masoala spürt Kaiser eine Note auf, die ihn fasziniert. Es ist der Duft eines Baumharzes, der die Nase mit der "Ahnung tief schwarzer Schokolade" erfüllt. "Es wird eine Herausforderung sein, das in ein Parfüm einzubauen."

Eine Spezialität Kaisers ist die Komposition ganzer "Duftszenarien".

Angefangen hatte er damit in den achtziger Jahren, als er für einen schwedischen Auftraggeber die Ambiance einer Sauna nachahmte. "Wichtig sind die Birkennoten - frisch-grün -, die beim Schlagen mit den Zweigen entstehen", beschreibt er die Kreation, die in Calvin Kleins Escape for men enthalten ist. Später kopierte er den Duft eines Tabakladens und jenen eines brasilianischen Flüsschens. Am anspruchsvollsten sei aber die Rekonstruktion von Weindüften. Ein Château d'Yquem 1988 gehört zu den Tropfen, deren Bouquets der Weinliebhaber täuschend echt nachgemacht hat. Givaudan benutzte die künstlichen Bouquets, um einen wichtigen Kunden zu beeindrucken: Der durfte im Rahmen einer Laborverkostung die nachgemachten Weinbouquets mit dem realen Edeltropfen vergleichen. "Zum Glück kam ich dabei gut weg", sagt Kaiser. 100 000 Franken hatte sich die Firma die Fingerübung kosten lassen.

Solch olfaktorische Großtaten dienen aber nicht nur der Kundenakquisition und der Vervollkommnung der technischen Fähigkeiten. Sie sind eine Quelle der Inspiration - ohne die geht in der Parfümerie nichts. "Nicht die Nase schafft neue Kreationen", sagt Parfümeur Apel, "sondern das Gehirn." Am Beginn eines Parfüms steht eine Idee. Drumherum gruppiert Apel einzelne Noten zu einer Duftsymphonie. Den Keim eines Parfüms, das er für Hugo Boss komponierte (Hugo for men), bildete ein Urlaub mit seiner Frau im Acadia-Nationalpark im US-Bundesstaat Maine. "Die Wälder, die Seen, die Bäche, das alles hat sich im Kopf zu einem neuen Parfüm zusammengefunden."

Die Expedition in den Wald von Masoala hat Apel Ideen im Dutzend beschert.

Die sonderbare Orchidee Oeoniella etwa, die abends würziger riecht als tagsüber, oder die Limonenart, deren Blätter den simplen Zitronenduft raffiniert mit Bergamotte ergänzen. Auf die Frage, welchen Eindruck er als Erstes in ein Parfüm verwandeln wird, grinst Apel und sagt: "Die erste Kreation wird Kopf des Zebu heißen."