300 millionstel Gramm Duft

Der Anflug klappt beim ersten Mal. Apel hält sich am Baum fest, damit der Schlitten nicht wegdriftet. Kaiser macht sich daran, jene Apparatur zu montieren, die er entwickelt hat, um Düfte einzufangen. Er stülpt eine Glasglocke über den Blütenstand und führt einen Schlauch mit einem kleinen Adsorptionsfilter ein. Durch den leitet er mit einer Minipumpe die Luft aus der Glocke. Dabei bleiben die Duftmoleküle im Filter hängen. Auf ein Zeichen Kaisers heizt der Pilot oben in der Kanzel dem Ballon ein und gibt Schub. Der Zeppelin gleitet weiter. Nach zwei Stunden, am Ende des Fluges, holen die Forscher die Apparatur wieder ab - nun geladen mit höchstens 300 millionstel Gramm Duft.

Genug, um später zu Hause im Labor im zürcherischen Dübendorf den Dialium-Hauch aufzuschlüsseln. Mit dem Gas-Chromatografen separiert Kaiser dazu die bis zu 150 Geruchsmoleküle, während der Trennung prüft er die einzelnen Stoffe mit der Nase. Viele kann er so schon identifizieren. Denn das Riechorgan ist bis zu 100-mal empfindlicher als die Analysegeräte, mit denen einzelne Moleküle bestimmt werden können.

Ist die Zusammensetzung ergründet, macht Kaiser sich daran, die Duftnote nachzubilden. Dazu mischt er die 30 bis 50 wichtigsten Moleküle zusammen, das reicht zur Täuschung normaler Dumpfnasen aus. Einige der Originalstoffe muss er durch ähnliche ersetzen, weil sie zu teuer oder nicht gesundheitlich geprüft sind. Beim Nachbau kommt es neben der Art auch auf die Menge der Komponenten an. "Im Bouquet eines Sauvignon-blanc-Weins ist beispielsweise ein schwefelhaltiger Stoff wichtig", sagt Kaiser. "Er kommt aber nur zu 0,00001 Prozent vor. Setzt man zu viel davon ein, riecht es nach Katzenpisse."

Der neue Dialium-Duft kommt zu den 1500 Noten dazu, aus denen die Parfümeure ihre Kreationen komponieren. Längst werden die meisten Parfümbestandteile synthetisch hergestellt. Die Produktion aus Pflanzen verbietet sich vor allem bei den Düften aus exotischen Ländern. Viel zu teuer und ökologisch bedenklich wäre das Sammeln der seltenen Tropengewächse.

Zuweilen stößt Kaiser bei der Analyse auf Stoffe, die unbekannt sind. Sind sie olfaktorisch interessant, versucht der Chemiker sie zu identifizieren. Im Gegensatz zu den nachgeahmten Blütendüften sind neu entdeckte Moleküle patentierbar. Aber nur die interessantesten schaffen es in die Palette der Parfümeure, denn die nötige gesundheitliche Zulassung dauert Jahre und kostet Millionen. Sechs neue Substanzen hat Kaiser in seinem 30-jährigen Wirken den Parfümeuren beschert, und 400 ganze Düfte. 8000 Pflanzen hat er dafür mit der Nase untersucht, 1500 davon eingefangen und analysiert. Von Masoala wird er acht bis zehn Düfte nachbilden. Die besten fünf werden die firmeneigenen Parfümeure auswählen. Sie bilden die Basis ihrer Entwürfe, wenn sich Givaudan an den Wettbewerben beteiligt, die Hugo Boss oder Giorgio Armani veranstalten, um ein neues Parfüm einzukaufen.

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