Das Selbstporträt, das der Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) nach kurzer Bedenkzeit von sich als Unternehmer zeichnet, ist knapp und selbstbewusst: "Zielstrebig. Sehr engagiert.

Teamorientiert. Überdurchschnittlich fähig, Menschen zu motivieren und zu begeistern. Ungeduldig." Und als Verbandsfunktionär? "Nicht anders. Ich bin immer derselbe."

Dass Dieter Hundt überhaupt Unternehmer wurde, hat viel mit Zufall, Selbstvertrauen, seinem Geburtsort Uhingen und der Krise am Markt für Landwirtschaftsmaschinen Anfang der siebziger Jahre zu tun. Damals gerieten nämlich auch die Uhinger Allgaier-Werke ins Trudeln. Nach dem Krieg hatte die kleine Werkzeugbaufirma in enger Zusammenarbeit mit Porsche begonnen, Traktoren zu produzieren. Mitte der sechziger Jahre standen 3000 Leute "beim Allgaier" in Lohn und Brot. Doch dann ging es bergab. Das Traktorenwerk wurde verkauft, die Belegschaft schrumpfte innerhalb weniger Jahre auf unter tausend Mitarbeiter.

Einer davon war Dieter Hundts Vater. Der hatte 1933 in der Firma angefangen und es bis zum Chef der "wichtigsten" (Hundt) Abteilung Werkzeugbau gebracht.

In ihrer Not erinnerten sich die beiden Söhne des Firmengründers Georg Allgaier, die das Werk gemeinsam leiteten, an den Sohn ihres langjährigen Mitarbeiters. Der hatte immerhin eine beeindruckende Vita vorzuweisen: mit 26 Jahren promovierter Maschinenbauingenieur, Vorstandsassistent bei AEG, Bereichsleiter bei der Kraftwerkunion für Siedewasserreaktoren und mit Mitte 30 bereits verantwortlich für einen Umsatz von 1,5 Milliarden Mark. Hundt: "Die kamen auf die Idee, ob ich nicht helfen könnte. Man kannte sich halt."

Zunächst hielt sich Hundts Begeisterung in Grenzen: "Ich habe nur geschmunzelt." Doch dann kam das Kernenergiemoratorium und bedrohte Hundts damaligen Broterwerb: das Geschäft mit Kernkraftwerken. "Da hab ich gesagt, lasst uns mal ernsthaft über euer Angebot verhandeln", erinnert er sich.

Was er darunter versteht, bekamen die Allgaier-Eigentümern umgehend zu spüren: "Wir haben Vertragsverhandlungen geführt, wie sie das Werk noch nie erlebt hat." Am Ende hatte er, was er wollte: die Zusicherung, die Geschäfte von Anfang an alleine zu führen, und 7,5 Prozent am Gesellschafterkapital.

Wie ihm das gelungen ist? "Ich habe aus der Position der Stärke verhandelt", sagt er schlicht. Und schließlich sei, fügt er hinzu, die Entscheidung für ihn auch riskant gewesen.

Das Risiko hat sich für ihn und für die Mitarbeiter der Allgaier-Werke gelohnt. Der Umsatz ist seit seinem Einstieg im Jahre 1975 von knapp 50 auf rund 400 Millionen Mark und die Zahl der Mitarbeiter auf 1400 gestiegen.

Seinen Gesellschafteranteil hat Hundt auf 50 Prozent aufgestockt. Den Erfolg missgönnt ihm in dem kleinen Ort mit dem Charme der sechziger Jahre anscheinend keiner. "Der Hundt hat den Allgaier gerettet", heißt es.

"Das geb ich - was gebt ihr?"

In Uhingen exerziert Hundt, was er als ehrenamtlicher Präsident der mächtigen Arbeitgeberlobby BDA eifrig verteidigt: die Sozialpartnerschaft. Dass er die nie mit Sozialromantik verwechselt, weiß seine Belegschaft nur zu gut. "Hart" sei er, sagt der Betriebsratsvorsitzende Hans-Jürgen Sprang über den Chef mit dem gemütlichen Gesicht und der weich-schwäbelnden Mundart - aber auch "fair". Die Hundtsche Verhandlungsstrategie mit seinen Leuten beschreibt der Gewerkschafter so: "Er sagt, das geb ich, was gebt ihr?" Umsonst gab es deshalb auch 1997 nicht die Beschäftigungsgarantie, die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2002 ausschließt. Als Gegenleistung mussten die Mitarbeiter flexibleren Arbeitszeiten zustimmen und auf Mehrarbeitszuschläge verzichten. Eher karg fällt auch die Betriebsrente aus: Vier Mark gibt es pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Eines rechnet Betriebsrat Sprang seinem Chef aber hoch an: "Wenn es Schwierigkeiten gibt, hat er immer ein offenes Ohr."

Deshalb sei auch nur ein Konflikt zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung in seinen 14 Jahren als freigestellter Betriebsrat jemals so weit eskaliert, dass er vor Gericht geschlichtet werden musste. Hundt sei eben, sagt der IG-Metaller, "noch ein Unternehmer von altem Schrot und Korn". Und das ist ganz eindeutig ein Lob.

Zu viel Lob von Gewerkschaftsseite kann manchmal hinderlich sein. Jedenfalls dann, wenn man, so wie Hundt, als Cheflobbyist des Arbeitgeberlagers die sozial-, tarif- und arbeitsmarktpolitischen Interessen der Wirtschaft bei der Regierung durchsetzen soll. An Lob über Hundt selbst von höchsten Arbeitnehmerfunktionären mangelt es wahrlich nicht. "Verlässlicher Gesprächspartner", "bereit, auf Argumente einzugehen" und immer wieder "fair" - so wird Hundt in seltener Übereinstimmung von ihnen charakterisiert.

Davon, dass der stets verbindlich auftretende und, wie ein Arbeitgeberfunktionär beschreibt, "das Bedürfnis nach Harmonie ausstrahlende" Schwabe wirklich der richtige Mann für den Posten des BDA-Präsidenten sei, waren bei seiner Wahl im März 1996 längst nicht alle Arbeitgeber überzeugt.

Der Streit zwischen der BDA und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) über Sinn oder Unsinn der deutschen Sozialpartnerschaft war gerade zur offenen Schlacht ausgeartet. Bruderkrieg der Bosse titelte der Spiegel, Objektive Sprengkräfte etwas vornehmer die FAZ. Wie sollte da ausgerechnet Hundt, der ausgewiesene Befürworter von Sozialpartnerschaft und Flächentarif, die zerstrittene Arbeitgebertruppe wieder unter einen Hut bringen?

Zweifel, dass er diesen Spagat je schaffen würde, schürte vor allem der damalige BDI-Präsident Olaf Henkel mit Inbrunst. Im Wettstreit zwischen BDA und BDI um die Meinungsführerschaft in Sachen Tarif- und Sozialpolitik hatte er mit seinem Sturmlauf gegen die "Konsenssülze", die jeden Reform-Elan ersticke, bei vielen Arbeitgebern und vor allem auch in der öffentlichen Meinung deutlich gepunktet. Hundt hingegen hatte noch ein Jahr vor seiner Wahl für den Tarifabschluss, den er mit der IG Metall ausgehandelt hatte, im eigenen Lager Prügel einstecken müssen. Für jemanden wie Henkel war Hundt ein rotes Tuch. "Weichei" habe Henkel ihn genannt, durfte Hundt damals den Medien entnehmen - in der feinen Welt des Kapitals eine Ungeheuerlichkeit.

Gut fünf Jahre später ist das für den BDA-Chef Geschichte. Was er von seinem damaligen Widersacher hält? "Henkel - wer ist das?", fragt Hundt und lächelt süffisant. Ebenso beharrlich in der Sache wie verbindlich im Ton hat der Schwabe seinen Führungsanspruch gegenüber den anderen Arbeitgeberverbänden durchgesetzt und den offenen Streit zwischen den Verbänden beendet. "Wir haben unsere Reihen wieder fest geschlossen", konstatiert Hundt zufrieden.

Der BDA-Präsident ist unangefochten Wortführer des Arbeitgeberlagers und Ansprechpartner der Regierung für Sozialund Tarifpolitik. Beim BDI ist Olaf Henkel als Vizepräsident in die zweite Reihe verbannt. Henkels Nachfolger, Michael Rogowski, kennt und schätzt Hundt aus gemeinsamen Stuttgarter Tagen in der baden-württembergischen Metall-Tarifkommission. So groß ist sogar die neue Harmonie zwischen den beiden Präsidenten, dass einige BDI-Mitglieder schon über ihren "blassen" Präsidenten klagen.

Dieser "gerissene Kollaborateur"

Nur Ludwig Georg Braun vom deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), der als Dritter im Bunde im gemeinsamen Haus der Wirtschaft (jeder Verband allerdings mit eigenem Eingang) in Berlin residiert, bringt derzeit noch gelegentlich die von Hundt sorgfältig entwickelte Schlachtordnung der Arbeitgeber durcheinander. Gerade erst hat der Hesse den Unmut des BDA-Präsidenten damit geweckt, dass er kurz vor Beginn der Lohnverhandlungen in der Metallindustrie eine "Nullrunde" forderte.

Solche Einmischungen in sein ureigenstes Terrain goutiert der BDA-Präsident überhaupt nicht. Schon gar nicht von einem, der seiner Meinung nach davon nichts versteht. Und da nimmt er auch kein Blatt vor den Mund: Eine solche Forderung sei "genauso unsinnig, wie es eine zweistellige Forderung der Gewerkschaften wäre. Ich halte nichts von populären Forderungen, mit denen man die Stammtischhoheit erobert." Das gilt allerdings nur, wenn er, der "gerissene Kollaborateur, der mit allen Wassern gewaschene Paket-Packer", wie der ehemalige SPD-Spitzenpolitiker Peter Glotz ihn einmal beschrieb, fürchten muss, dass sie die Gewerkschaften unnötig reizen.

Denn das Kunststück, Hardliner und Softies im Arbeitgeberlager hinter sich zu scharen, ist Hundt nur dank einer ausgeklügelten Doppelstrategie gelungen: In der Tarifpolitik hält er sich die Gewerkschaften gewogen, indem er sich grundsätzlich weiterhin zum Flächentarif bekennt und lediglich dessen weitere Flexibilisierung anmahnt. Die, lobt er immer wieder, sei "schon weit vorangeschritten".

Im Gegenzug verzichten die Gewerkschaften auf allzu heftige öffentliche Polemik, wenn er in der Sozialpolitik den Hardliner markiert und unablässig "grundlegende Reformen" des bundesdeutschen Sozialstaates anmahnt. Das heißt in Hundts Sichtweise vor allem eines: Runter mit den Sozialbeiträgen für die Arbeitgeber.

Auf diesem Gebiet können die Mitglieder mit ihrem Präsidenten vollauf zufrieden sein. Immerhin ist unter ihm ein Durchbruch gelungen, mit dem niemand ernsthaft gerechnet hatte: Die rot-grüne Regierung hat den Einstieg in eine kapitalgedeckte Altersvorsorge festgeschrieben. Die müssen die Arbeitnehmer ganz allein finanzieren. Dagegen profitieren die Arbeitgeber von der finanziellen Entlastung durch niedrigere Rentenbeiträge. Gleichwohl haben die Gewerkschaften stillgehalten.

Gegen solche Erfolge der von ihnen oft geschmähten Sozialpartnerschaft können selbst Hardliner ernsthaft nichts haben. "Weichei", davon hat Hundt seine Leute mit diesem Meisterstück wohl überzeugt, ist jedenfalls so ziemlich das falscheste Bild, das man von dem 62-Jährigen haben kann: Gerade erst ist er ohne jede kontroverse Debatte für zwei weitere Jahre als BDA-Präsident wiedergewählt worden.