Von Sinnen ist hier nicht die gleichnamige Hella, deren eklatante Unterbeschäftigung im Fernsehen dieses wider Erwarten gar nicht so sehr verbessert hat. Nein, Von Sinnen heißt ein von Bettina Hesse herausgegebenes Taschenbuch des Rowohlt Verlags. Von Sinnen ist der Mensch vornehmlich in der Liebesleidenschaft, in der, wenn man Glück hat, die Sinne alle Stücke spielen, und ein Buch, das davon handelt, handelt natürlich auch von den Sinnen, genauer: vom Nutzen und Nachteil der Sinne für das Leben. Für die erregte Sinnlichkeit fand ich in dieser Anthologie auch das Wort "Geilheit", das ich, geschmäcklerisch, wie ich bin, am liebsten den Torten vorbehalten würde. "Dies ist eine geile Torte" leuchtet mir ein, aber wenn ein Herr in diesem Band von der Überzeugskraft spricht, die seine "unverstellte Geilheit" auf seine Frau ausübt, dann bin ich eher skeptisch.

Dies ist ein Buch für skeptische Menschen, und die Herausgeberin diskutiert in ihrer Einleitung einige Gründe dieser Skepsis: "Im Reich der Sinne gibt es keine Grenzen, aber Nachbarländer - sie heißen Liebe und Pornographie." Was immer auch "das Terrain erotischen Erzählens" sein mag, Bettina Hesse attestiert den von ihr versammelten Autoren, dass sie sich "mit dem Stoff ihres ganz persönlichen Begehrens einen kleinen Platz im Reich der Sinne verschafft" haben. Diesen kleinen Platz im Reich der Sinne gönnen wir allen Menschen auf Erden, aber dennoch will diese eine Frage selbst in unserem günstig gestimmten Herzen nicht verstummen. Diese Frage lautet mit den Worten der Herausgeberin: "Wie läßt man erlebte Reize in Sprache hinübergleiten, und ist die Sprache dann sinnlich oder verführerisch?"

Einmal gleitet es besser hinüber, ein andermal schlechter. In den legendären Interviews mit der Fernsehjournalistin Krista Fleischmann führt Thomas Bernhard über die Liebe aus: "Das Wort Liebe kann man schreiben, aber beschreiben kann man Liebe nicht ... Es kommt drauf an, wie weit man die Liebe treibt und wie weit man den Mund aufmacht. Wenn Sie den Mund ein bißl weiter aufmachen, ist es schon Kitsch und nicht mehr Liebe, und wenn's wieder zumachen, ist es sehr liab."

Ich glaube, das gilt noch viel mehr für alle Belange der beschriebenen Sinneslust: Man verfehlt ständig das Thema. Wahrscheinlich ist es gar nicht so, dass man erlebte Reize in Sprache hinübergleiten lässt

es ist vielleicht umgekehrt: Die Sprache dominiert die Reize längst, während man noch glücklich versucht, seine reizvollen Erlebnisse zu beschreiben. Deshalb hat mir das Buch so viel Vergnügen gemacht. Es strotzt vor herrlichen, reizdominierenden Ausdrücken: "Als er sich bückte, verschlug es mir fast den Atem. Noch nie hatte ich solche kräftigen Schenkel gesehen."

Der sich da bückte, war ein Radfahrer, wie er im Buche steht: Draußen regnet es, natürlich "strömend", und plötzlich steht er vor der Tür. Er duscht schnell, und weil sich das begehrende Objekt in ein Objekt der Begierde verwandeln möchte, kleidet es sich um: T-Shirt aus schwarzem Latex, eine Jeansröhre, komplettiert mit einem Paar hochhackiger Lederstiefel. Dem geduschten Radfahrer, der dieser Bescherung ansichtig wird, bleibt nur noch eines übrig: "Er ließ einen anerkennenden Pfiff los." Recht so, da pfeif ich auch drauf, wenngleich ich den nächsten Satz auf keinen Fall missen möchte: "Sein Blick lag auf meinen Brüsten wie ein kühler Chiffonschal."

Aber auch diese Geschichte von Nele Grün nimmt einen kritischen Verlauf und hat eine Pointe, der wenigstens die Ahnung zugrunde liegen könnte, dass jede Erzählung von der sexuellen Betätigung nicht darum herumkommt, das einschlägige Vokabular aufzublättern. Das Vokabular für die Sache selbst zu halten führt in eines der Nachbarländer der Pornografie, nämlich ins unfreiwillig Komische: "Tiefer! Mein Hengst, mein Hengst!" Diese Tiefe ist "im wirklichen Leben" gewiss die angemessene, aber im Text hat der lüstern aufpeitschende Ton nur eine belustigende Wirkung. Sprache wird verführerisch, wenn sie einem nicht durch bemühte Schilderung die eigene Vorstellungskraft abnimmt. Außerdem schafft die Konzentration auf das eine, nämlich auf das kleine Reich der Sinne, eine Enge, in der selbst der großmächtigste sexuelle Exzess langweilt. Daraus folgen die konservativen Regeln: Je mehr man davon ausspart, desto intensiver kann die Präsenz des Sexuellen im Text sein. Ist aber das Sexuelle offen präsent, dann kommt es darauf an, in welchem Zusammenhang es steht, mit welchen Lebensbereichen es sich im Text aufregend berührt.