Carasova/Moldova Nouâ

Als der Krieg Jugoslawien zerriss, machten sich zwei Männer auf aus dem Dorf Carasova in Westrumänien. Der eine wurde ein großer Kroate. Er heißt Mihai Radan und vertritt heute die kroatische Minderheit in Bukarests Parlament, hinten weit in der Walachei. Der andere wurde ein großer Serbe. Er heißt Mile Radan und vertritt seine Position in Belgrad, gleich drüben jenseits der Donau. Onkel Mihai und sein Neffe Mile reden schon lange nicht mehr miteinander. Zum Glück macht sich das Dorf nicht viel daraus.

Würden Mihai und Mile ein paar Dutzend Kilometer weiter westwärts in Jugoslawien leben, wären sie nicht umhingekommen, ihr Dorf zu teilen. Und der Hass rundum hätte sie gezwungen, es jeweils an der Ecke des anderen anzuzünden. Doch Carasova liegt im rumänischen Banat, wo die Völker nicht aufeinander schlagen, sondern jetzt um Weihnachten zur "Worschtkoschtprob'" nach den Hausschlachtungen zusammenkommen. Wo sie einander ihre Kirchen ausleihen, damit jede Religion eine Herberge findet und jede Minderheit die Messe in ihrer Sprache lesen kann. Neun Ethnien leben im Regierungsbezirk Caras-Severin Tür an Tür oder Dorf an Dorf.

Die meisten der 3600 Einwohner von Carasova nennen sich nach ihrem Dorf Kraschowänen. Sie sind Slawen, die schon immer da waren. Bei der rumänischen Volkszählung 1992 haben sich 1940 Kraschowänen als Kroaten und 1260 als Serben deklariert. Inzwischen sehen fast alle Dörfler ihr Mutterland in Kroatien, Mile Radan natürlich ausgenommen. Denn Kroatien hat vor einem Jahrzehnt - Genscher sei Dank, sagen die Kraschowänen - mit der Souveränität auch die Reisefreiheit für Europa verbrieft bekommen. Und seither macht sich alle Jahre wieder ein guter Nikolaus aus der kroatischen Diplomatie in das rumänische Banat auf, um jedem Bürger, der 18 Jahre alt geworden ist und sich zur kroatischen Minderheit zählen kann, in feierlicher Zeremonie den Pass des Freifahrtstaates Kroatien zu überreichen.

Deshalb steht Carasova nicht schlecht da im bitterarmen Rumänien. Allerdings ganz ohne junge Männer. Sie arbeiten den Sommer über irgendwo in Europa. Wenn es kalt wird, kehren sie aus dem Norden zurück, wie die Zugvögel. Wer möchte nicht nach Carasova zurückkehren! Wo die knorrigen Apfelbäume noch nie eine Spritze bekommen haben. Wo die alten Frauen jetzt die Därme der Schweine für die Hausmacherwürste im glasklaren Wasser des Caras auswaschen, der von den Karpatenausläufern herunterschießt.

Schon im Jahre 1245 war Carasova in diesem armen Bergland so viel wert, dass es auf einer päpstlichen Steuerliste erschien. Das war noch, drei Jahrhunderte bevor die Osmanen kamen, gegen die Wien die große Anti-Türken-Koalition schmiedete. Christliche Zivilisation gegen Muslime - wie immer noch. Die einen ließen Kanonenkugeln auf die "Heiden" regnen, die anderen schwangen Krummschwerter gegen die "ungläubigen Hunde". Als Prinz Eugen, der edle Ritter, über die Türken gesiegt hatte, lockten die österreichischen Majestäten die ärmeren und gut katholischen Europäer mit den damaligen Green Cards in die Wiener Kolonisationsbüros. Boden, Vieh, Samen, fünf Jahre Befreiung von Steuern und Kriegsdienst lautete das kaiserliche Angebot.

Dafür mussten die Wehrbauern das Banat - so hieß im Mittelalter eine Grenzmark - gegen die Türken befestigen. Sie sollten aus Sumpf und Wäldern blühende Landschaften machen (denn Österreich besaß keine außereuropäischen Kolonien) und Berg- und Eisenwerke ausbauen, um das Habsburger Kriegswesen zu festigen.