Nicht, dass Architekten besonders fromme Menschen wären. Doch in der Kirche finden sie Erfüllung. Viele träumen davon, zumindest einmal im Leben ein Haus für den Höchsten zu bauen, den Himmel für sich einzunehmen und natürlich die Welt. Es lockt sie der Raum: Einer, der nicht den Zwängen des Alltäglichen gehorcht, nicht praktisch und nicht profitabel sein muss, der nur dem Nichtbeschreiblichen zu dienen hat. Hier darf der Architekt zeigen, was er sein kann: ein Künstler der Transzendenz.

Doch will die irdische Wirklichkeit von dieser Sehnsucht nur wenig wissen.

Wenn überhaupt noch neue Gotteshäuser gebaut werden, dann sind es meist Orte des Rückzugs, denn die Zeiten der stolzen Volksfrömmigkeit sind vorüber. In den vergangenen Jahren wurden weit mehr Moscheen als Kirchen gegründet, oft nackte Versammlungshallen, von Freiwilligen notdürftig zusammengezimmert - und von den Ideen der Architekten unbeeinflusst. Was bleibt ihnen also, als eigene, neue Ideen des Religiösen aufzuzeichnen? Gottfried Böhm etwa, einer der bekanntesten deutschen Kirchenbaumeister, plant eine Kapelle, die allen Glaubenden offen stehen soll, Katholiken wie Juden und Mohammedanern.

Ähnliches hat auch der Architekturprofessor Peter Pininski vor, der mit Verve für einen Ort der Weltreligionen wirbt, für einen kreisrunden Platz, in dessen Mitte einige Flammen lodern, umgeben von den Urgewalten, von einem Kreis des Baumes, des Wassers, der Erde und von lauter kleinen Pavillons, den Stätten der Anbetung. Seit dem 11. September drängt viele diese Hoffnung nach großer Einheit - die Kirche soll endlich zu einem Ort werden, der die ewigen Feindschaften befriedet.

Und tatsächlich: Aus der Not erwachsen neue Bündnisse, wenn auch keine Erdkreis umspannenden. Im Osten Hamburgs zum Beispiel, wo neuerdings viele karge Klinkerriegel im weiten Horizont des Marschlands stehen und sich binnen fünf Jahren über 11 000 Menschen angesiedelt haben, blieb den christlichen Kirchen lange nur der Bauwagen. Noch heute steht er dort im Stadtteil Allermöhe, als Erinnerungszeichen an bewegliche Zeiten

die kleine Glocke im angeschraubten Dachreiter rostet vor sich hin. Seit kurzem erst erhebt sich gleich neben dem Wagen eine Unterkunft aus Stein und Glas, eine, die nur gebaut wurde, weil Katholiken und Protestanten sich nicht länger scheel beäugten, sondern ihr Geld zusammenwarfen. Solche ökumenischen Gräbensprünge sind selten, für Norddeutschland lassen sie sich an einer Hand abzählen. Doch wo die Kollekten schrumpfen, verliert sich auch die Arroganz - zum Glück für Allermöhe, denn sonst wäre es beim Bauwagen geblieben.

Der Neubau ist allerdings nicht gerade ein Ausbund geballter Kirchenmacht.