Zum Nutzen und Vergnügen

WANDKALENDER

Arche-Literatur-Kalender. Jahresthema: Dichter und Technik. Man denkt, die Leute mit Feder oder Schreibmaschine seien besonders Technik-resistent.

Keineswegs. Wie in allen anderen Kreisen: Hin und Her zwischen Angst und Euphorie. John Dos Passos erinnert sich an eine Gebirgsfahrt mit Blaise Cendrars: "Es war schrecklich. Er fuhr einhändig und schaltete, ich weiß nicht wie ... Er nahm die Kurven auf zwei Rädern, ohne vom Gas zu gehen. Der Himmel weiß, wie wir lebend davongekommen sind." (Arche Verlag, Hamburg/ Zürich

52 farbige Blätter

34,- DM)

Aufbau-Literatur-Kalender. Wie gut, dass es diesen Kalender noch gibt, nun schon im 35. Jahr. So widerspenstig, wie die Kalendermacher zu Zeiten der DDR waren, sind sie heute noch. Einzuschmuggeln gibt es nichts - aber zu erinnern. Viele Wochenblätter mit Texten, Zeichnungen, Handschriften, Fotos könnten in jedem Kalender des Westens zu finden sein. Aber hier sind noch andere Menschen, Traditionen lebendig - keine "Teilung" des Landes vertiefend, aber an Lese-Erlebnisse anknüpfend, die zu kennen auch im Westen nicht schlecht wäre. Oder wo wird noch an Brigitte Reimann und Lenka Reinerová gedacht, an Nazim Hikmet oder John Steinbeck, an Laxness oder Pasolini, BolesIaw Prus oder Günther Weisenborn und seine Kassiber aus dem Gestapo-Kerker? Und wenn an Lenau gedacht wird, der am 13. August 2002 seinen 200. Geburtstag feiert, dann mit so düster rebellischen Zeilen: "Woher der düstre Unmut dieser Zeit, / Der Groll, die Eile, die Zerrissenheit?" (Aufbau Verlag, Berlin

32,- DM)

Zum Nutzen und Vergnügen

Kleiner Bruder - Gedichtekalender. Hier sind Menschen am Werk, die sich den Sinn für Schönheit bewahrt haben, auch noch etwas verstehen von der alten Schrift- und Druckkunst (Titel-Vignette, reine Typografie, drei Druckfarben).

So sehen auch die Bücher aus, die aus der Werkstatt der Familie Wachinger kommen: schön, von einer so anmutigen wie strengen Schlichtheit. Deshalb kann man auch die klar gedruckten Gedichte dieses Kalenders, der im 18. Jahr erscheint, vierzehn Tage an der Wand ertragen, ja immer wieder lesen.

Traugott Giesen, Pastor in Keitum auf Sylt, ist neben den Wachingers als Dritter im Bund. So können wir ein Jahr lang gut auskommen mit Luther und Richard Leising, Wilhelm Busch und Philipp Zesen und Michael Krüger. (Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München

28,- DM)

Der literarische Katzenkalender. Kommt ein Kalendarium dieses Namens nicht allmählich an sein Ende - nicht weil es keine Katzen, aber doch keine Dichter(innen!) mehr gibt, die in so pelziger Symbiose leben? Keine Bange!

Fürs nächste Jahrtausend scheinen wir gut versorgt, etwa mit diesem Dialog, der uns im März überrascht zwischen dem Schriftsteller-Philosophen Rousseau und seinem Besucher aus Schottland, James Boswell, vor mehr als zweihundert Jahren: "R. Lieben Sie Katzen? - B. Nein. - R. Das habe ich mir gedacht. Sie mögen Katzen nicht, weil Katzen freie Geschöpfe sind und sich nicht versklaven lassen. Einer Katze kann man nicht Befehle geben wie anderen Tieren. - B. Einem Huhn auch nicht. - R. Ein Huhn würde gehorchen, wenn man sich ihm verständlich machen könnte. Eine Katze versteht die Menschen ganz genau, gehorcht ihnen aber trotzdem nicht." (Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main

55 Wochenblätter, mit Text und Foto

Zum Nutzen und Vergnügen

38,- DM)

Der literarische Reisekalender. Bei Schöffling erfinden sie immer wieder Neues, jetzt einen Jahresbegleiter mit schönen, oft exotischen Bildern und rätselhaften, nachdenklich stimmenden, witzigen Texten, etwa diesem, zum 1.

April. Paul Theroux erinnert sich an Patagonien, an die Begegnung mit einem Indio und einem Lama: "Es sah aus wie das im Kindervers von Hillaire Belloc - ein besonderer Vorwurf an mich: ,Das Lama ist eine Art wollige / filzig-haarige Ziege mit Gleichmut / im Gesicht und Falten am Hals / wie ein erfolgloser Literat.'" (Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt am Main

55 Wochenblätter

44,- DM)

Arche-Musik-Kalender. Motto für diesen Wochenkalender: "Vorbilder, Lehrer & Schüler. Freunde & Kollegen. Oder: ein Stück musikalisches Leben in Variationen." Viel Schönes, Anekdotisches - und dann diese Überraschung. Eine Komponistin, Felicitas Kukuck (1914 bis 2001), die schon des Namens wegen einen Ehrenplatz in diesem Kling-Klang-Kalender verdient, erinnert sich an ihre Prüfung. Der Klavierlehrer rät ab, eine Sonate ihres Kompositionslehrers Paul Hindemith zu spielen, weil der von den Nazis zur "Entarteten Kunst" gerechnet werde. "Ich habe mir die Sache eine Woche lang überlegt" und dann die Sonate doch gespielt, "weil es eine wunderbare Musik ist und weil Hindemith ein so hervorragender Lehrer gewesen ist ... Mir ist nichts passiert.

So ein bisschen Zivilcourage war eben nicht gleich ,gefährlich', das konnte man sich durchaus leisten." (Arche Verlag, Hamburg/Zürich

Zum Nutzen und Vergnügen

55 Wochenblätter

44,- DM)

Tanztheater Wuppertal Pina Bausch. Hier genügt der Titel als Empfehlung: 13 große Blätter und 6 Postkarten mit Aufnahmen von Jochen Viehoff. (Verlag HP Nacke, Friedrich-Engels-Allee 122, 42285 Wuppertal

38,- DM)

Politeia - Frauenporträts aus 50 Jahren deutscher Geschichte. Für jede Woche ein Bild, ein kurzes, prägnantes Zitat und ein längerer Text: Rut Brandt und Tamara Bunke, Lili Fischer, Inge Viett, Helene Weber. Erinnerungen oder schöne, wichtig neue Begegnungen. (ARCult Media Verlag, Bonn

39,80 DM)

Fliegende Wörter - Postkartenkalender. Im achten Jahr - schon ein Klassiker: "53 Qualitätsgedichte zum Verschreiben und Verbleiben für Zeitreisende, Sprachspieler, Kenner und Genießer". Kein Kalender greift so aus in Raum und Zeit, von einem koreanischen Mönch vor sechshundert Jahren bis zu Heinz Erhardt, von Sarah Kirsch bis zu Li Bo, der vor anderthalb Jahrtausenden gedichtet hat. Dazwischen ein Kommentar zu unseren Kriegeszeiten, hellsichtig formuliert von Günter Kunert, vor vierzig Jahren schon. "Über einige Davongekommene - Als der Mensch / Unter den Trümmern / Seines / Bombardierten Hauses / Hervorgezogen wurde, / Schüttelte er sich / Und sagte: / Nie wieder.

Zum Nutzen und Vergnügen

// Jedenfalls nicht gleich."(Daedalus Verlag, Oderstraße 25, 48145 Münster

26,80 DM)

BUCHKALENDER

Mit Goethe durch das Jahr. Auch im 54. Jahr ist der Kalender im Taschenbuch-Format für eine Überraschung gut: Die Herausgeberin blickt auf "Goethes Diener". So entsteht aus dem Blickwinkel von Dienstbotenstube, Küche, Speisekammer, Schreibsaal, Garten, Kutscherverschlag und Botenbank ein eigenartig neues Porträt des Dichters. "Das arme Volk muß immer den Sack tragen", hat der junge Hofbeamte in Weimar bald erkannt. Und er handelt danach: Er sucht den Angestellten seines kleinen, wachsenden Hofstaats die Lasten zu erleichtern. Wer anstellig und ehrlich ist, hat es gut im Haus am Frauenplan oder auf Reisen. Wer sich gehen lässt, wird ohne Mitleid vor die Tür gesetzt. So entsteht eine kleine Sozialgeschichte der Zeit in Weimar - und wir nehmen teil an den jährlichen Schlachtfesten, an Hausputz und großer Wäsche, schauen in die penibel geführten Haushaltsbücher oder liegen mit in der Schlafkammer, die Goethe unterwegs mit den Dienern teilt und mit ihnen nachts über Gott und die Welt plaudert. Jeden Morgen kommt der "Chirurgus" zum Rasieren, zweimal in der Woche der Friseur, zu schweigen von Schreibern, später Kindermädchen und Kutscher. Fünf fest angestellte Leute leben dauernd mit im Haus.

Als ob sie selber noch vom alten Geheimbderath angestellt sei als muntere Schreibmamsell und getreue Chronistin, führt uns Effi Biedrzynski durch Haus und Hof, Stadt und Land. So lernen wir die widerspenstige Köchin Charlotte Hoyer kennen ("eine der boshaftesten und incorrigibelsten Personen", klagt Goethe), aber auch die Sekretärin Caroline Ulrich, von welcher der alte Schwerenöter als der "Uli" oder "Uline", dem "Frauenzimmerchen" schwärmt und sie als Gesellschafterin seiner Frau in die Familie aufnimmt. Zwischen den Monatskalendarien (ein Goethe-Zitat für jeden Tag) entfaltet sich so ein kleines Lesebuch über Goethe und seine Zeit, wie man es, mit vielen Bildern, so konzentriert noch nie gelesen hat: ein lehrreiches Vergnügen. (Patmos Verlag, Düsseldorf

144 S., Abb., 13,80 DM)

Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen. Einer der großen, viel zu wenig bekannten deutschen Schriftsteller, der Naturwissenschaftler und Physikprofessor in Göttingen, Georg Christoph Lichtenberg, hat von 1778 bis 1799 jedes Jahr das Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen nebst Göttinger Taschen Calender herausgegeben. Ein köstliches und kostbares Werk, zugleich so etwas wie Burda-Moden heute, mit den neuesten Kleider- und Hutkreationen, Haartracht nicht zu vergessen - und wissenschaftliches Mitteilungsblatt für neugierige Leser, die an Lichtenbergs Korrespondenz teilhaben wollten ("Das Stachelschwein schießt seine Stacheln nicht auf seine Verfolger ab", ja, das waren vor mehr als zweihundert Jahren wichtige Neuigkeiten der Naturforschung). Natürlich musste ein solches Kalender-Buch beginnen mit einem Verzeichnis der Geburtstage des Kön.Großbritannisch. Chur=Braunschweig=Lüneburgischen Hauses (im Nachdruck, Gott sei Dank, auf die erste Seite reduziert!). Aber dann sind schöne Entdeckungen zu machen, über das Sonnensystem, über den englischen Zeichner Hogarth und, besonders apart, Beyträge zu einer Toiletten-Apotheke, Anleitungen zur Herstellung von Pomaden, Ölen und Schminke.

Zum Nutzen und Vergnügen

Seit Jahren druckt die Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung in Mainz, Nachfolgerin von Lichtenbergs Editionshaus in Göttingen, die schönen kleine Bände nach. Dieser Jahrgang, 1785, ist eine literarische und bibliophile Kostbarkeit: Wegen eines Versehens von Verfasser und Verleger wurde eine zweite, erweiterte Auflage gedruckt, die nicht einmal die Göttinger Bibliothek besitzt. Nach einem einzig erhaltenen Exemplar jetzt dieser Nachdruck mit so noch nicht zu lesenden Texten. Selbst bei starkem Verwandten-Überfall: Weihnachten ist gerettet. (Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz

272 S., Abb., 28,- DM

daneben preiswertes Angebot für alle bisher erschienenen Reprints: 120,- DM statt 181,- DM)