Als ich so meine Frau zum ersten Male sah, sagte ein Kind hinter mir: "Wie schön sie ist!" Mein armes Kind, das täuscht! Sieh mal die Beleuchtung, nicht wahr? Und die blonden Haare machen auch allerhand her. Sonst sind sie nämlich fast dunkelrot, vorne mit einem struppigen Wirbel. Und darauf würde nicht einmal die Krone übermäßig wirken.

In dem erwähnten Augenblick, da ich sie erkannt hatte, beugte sie sich gerade über den Rand ihres Brunnens und rief: "Mein Ball, mein Ball!" Sie war sehr ärgerlich, beinahe wütend. Ich konnte ihr Gesicht nicht genau erkennen, aber ich wusste, wie es aussah. Wir haben zu Hause einen Ofen, der die Eigenart hat, nur anzubrennen, wenn ich mich mit ihm beschäftige. Will meine Frau heizen, geht das Feuer nach wenigen Minuten wieder aus. Dann macht sie so ein Gesicht und flucht dabei: "Verfluchter Mist, so ein Sch…ofen!" Nach diesem Augenblick wurde es gleich wieder dunkel.

Ich vergaß: Bevor ich meine Frau dort sah, hatte eine alte Frau bereits von ihr gesprochen: "Sie ist eine hochnäsige, dumme Gans." Ach, das ist wohl doch etwas übertrieben, gute Frau. Sie hat ihre Fehler. Aber eine ans ist sie nicht. Als das Licht wieder aufleuchtete, saß meine Frau am Tisch. Vor ihr stand eine große Torte, und die Königin sagte: "Warum ißt du denn nichts davon?" – "Ich habe keinen Appetit", antwortete meine Frau. Nanu, dachte ich, keine Torte? Gespannt wartete ich darauf, wie das wohl enden würde. Der König brachte Schokolade – verkehrt, ganz verkehrt! – Lebkuchen und ein neues Kleid, dasselbe in rosa. Nein, das mochte sie auch nicht. Ich hatte das bereits geahnt. Jetzt versuchte es der Hofmarschall mit ihr. Meine Frau wollte nichts. Der König und die Königin waren sehr verärgert. Ich dachte daran, wie ich das gestern mit dem Steinbeißer gemacht hatte. Als ich am Abend nach Hause gekommen war, hatte ich ein Stück geräucherten Steinbeißer mitgebracht.

"Ich habe hier eine Steinbeißer mit, magst du das?" fragte ich. – "Nein", sagte sie, "wie schmeckt das?" "Hast du schon einmal Steinbeißer gegessen?" "Nein!" "Woher willst du denn wissen, dass er dir nicht schmeckt?" – "Mir schmeckt so was nie." "Dich zwingt ja niemand, davon zu essen", beendete ich das Gespräch, nahm zwei Gabeln und zerlegte den Fisch. Ich aß die obere Hälfte, fragte dabei. "Willst du mal probieren?" – "Nein, danke." Dann schob ich den Rest zur Seite. "Die andere Hälfte esse ich morgen zum Frühstück", sagte ich dabei. Sie nahm eine Gabel, kostete den Fisch, schob den Teller fort. Als ich hinübersah und als der Tisch abgeräumt wurde, war der Steinbeißerteller leer. So muß man das machen, Majestät.

Sie erklärte dem König nunmehr endgültig, sie wolle überhaupt nichts, nur den Ball, der ihr in den Brunnen gefallen sei. Sie stapfte dabei mit den Füßen auf. Wie echt! Wie echt! Wie lautet noch das holde Dichterwort? "Greift nur hinein ins volle Menschenleben!" Vor einigen Monaten ist ihr einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit der rechte Absatz vom Schuh abgebrochen.

Der König und die Königin waren vollends verstimmt. Sie gingen fort; sie wollten spazieren gehen. Kaum waren sie verschwunden, kam jemand mit dem Ball aus dem Brunnen: ein verzauberter junger König. Nach wenigen Minuten fragte er meine Frau, ob sie ihn heiraten wolle. Sie lächelte sanft und sagte zu meiner Überraschung: "Ja!"

Nicht viel später sehe ich beide durch den Wald reisen. Unterwegs treffen sie die alte Frau, von der ich bereits sprach. Der junge König stellt ihr mit einer leutseligen Geste meine Frau als neue Königin vor. Die alte Frau erschrak: "Heirate sie nicht, o König, sie taugt zu nichts!" Ich wurde unruhig. Mal sehen, was er tut. Aber nein, der junge König ließ sich’s nicht verdrießen, er lachte die Alte aus. In diesem Augenblick lächelte ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch ein wenig; allerdings wohl mehr aus Schadenfreude. Du wirst sie schon kennenlernen, dachte ich.